Salzburg einmal mehr als Ort der Gegenaufklärung: Über die gute Kultur und die schlechte Politik

Es gibt in Österreich ein zentrales kulturpolitisches Problem. Dieses besteht – historisch erklärtbar – im Hochmut der Kultur gegenüber der Politik.

Ja, die gescheiterte Bürgerliche Revolution 1848 hat das aufstrebende Bürgertum nachhaltig von den Hebeln der politischen Macht ferngehalten. Das hat in den neuen Kathedralen der Kultur ein Paralleluniversum entstehen lassen, wo die Bourgeoisie den neu entstandenen, vor allem wirtschaftlich bedingten Einfluss samt Reichtum ungeachtet den Vorgaben eines übstandigen aristokratischen Regimes zumindest symbolisch feiern konnten.

Die Folgen hätten nicht verheerender sein können: Sie betreffen ebenso die systematische Abwertung des Politischen inklusive Ausgrenzung der sich neu formierenden politischen Bewegungen rund um das Industrieproletariat.

Man fühlte sich selbst ausgegrenzt. Und wollte also unter sich bleiben. Da konnte Politik nach 1918 noch so sehr die gesellschaftlichen Verhältnisse, sei es in demokratischer, sei es in autoritärer Form bestimmen, als Mitglied der Kulturgemeinde wusste man sich unbeeinflusst, in jedem Fall überlegen (Paula Wessely oder Herbert von Karajan stehen paradigmatisch für diese Position).

Ja, spätestens seit den 1970er Jahre wurden immerhin Versuche unternommen, die “Brandmauer” zwischen Kultur und Politik einzureissen. Da hat sich Kultur schon mal politisch verstanden. Und auch Politik ahnte etwas von ihren kulturellen Bedingungen. Im aktuell immer bedrohlicher werdenden reaktionären Klima wird deutlich, dass die diesbezüglichen Bemühungen nicht weit gekommen sind.

Und so kann Markus Hinterhäuser anlässlich der Verleihung eines Musikpreises mit dem Satz mediale Furore machen: „Die Kunst ist so viel größer als der Kleingeist der Politik“.

Klar, er mag seine persönlichen Gründe haben, sich von einzelnen politischen Entscheidungsträgerinnen schlecht behandelt zu fühlen. Und unterliegt in der Verallgermeinerung der politischen Entscheidung gegen seine Intendanz doch einem bürgerlichen Ressentiment, das nur eine Wirkung kennt: Das demokratische politische Geschehen der Verachtung preis zu geben und damit – einmal mehr – das Geschäft derer zu betreiben, die es in diesen Tagen darauf abstellen, das “herrschende politische System” zu beseitigen.

Ob damit Markus Hinterhäuser damit die Nachfolge von Clemens Krauss anmeldet, die Frage lasse ich offen.

Ja, und herzliche Gratulation zur Preisverleihung!

https://salzburg.orf.at/stories/3370407/

Ich gehör eh dazu: Erste Interviews mit Kulturminister Andreas Babler

 
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie überkommen sich weite Teile des Kulturjournalismus gerieren, dann braucht man nur die aktuellen Interviews mit Andreas Babler lesen:
 
In Verhörform soll der neue Kulturminister darüber Auskunft geben, was für ein kulturelles Konsumverhalten er pflegt, welche Künnstler*innen er kennt und welche er schätzt.
 
Offenbar ist den Interviewer*innen ihre Macht noch allzugut in Erinnerung, wie sehr sich vormalige Staatssekretär Peter Wittmann in der Regierung Vitktor Klima, der Kultur zur Chefsache erklärt hatte, zu Beginn seiner Amtszeit 2000 als Banause erwiesen hat, weil er diesbezügliche Prüfungsfragen nach dem Motto: Wie hältst Du es mit dem klassischen Kulturbetrieb? nur unzureichend zu beantworten wußte.
So wird Andreas Babler einem permanenten Lackmustest unterzogen, um ihn irgendwo zwischen U und E zu verorten. Tapfer deklariert er seine Nähe zu diversen Pop-Grössen, um dann doch im Konzert der überheblichen Niedermacher*innen überlebensrettend darauf hinzuweisen, dass er auch Theater und Oper besuchen würde: “Ich gehör eh dazu” gerät zur entscheidenden Aussage.
 
Nach seinen kulturpolitischen Konzepten wird er in diesem Minenfeld der Verhaberung erst garnicht nicht gefragt. Es genügt, einmal mit Rudolf Scholten und Gabriele Heinisch-Hossek gesprochen zu haben. Derart profund gebrieft bereitet er die Szene darauf vor, dass auch im Kuturbereich gespart werden muss. Irgendwie solidarisch halt. Zugleich fehlt jeglicher Haltegriff möglicher Schwerpunktsetzung in schwieriger Zeit.
 
Anzunehmen, dass der oder die, die glaubwürdig schreien kann, er oder sie gehörte ohnehin dazu, es leichter haben wird.

https://www.derstandard.at/story/3000000267194/babler-zu-kultur-es-wird-ueberall-solidarisch-einsparungen-geben-muessen

Wenn die “Ehemaligen” zu den potentiell “Zukünftigen” werden.

 
Auch wenn die Gefahr besteht, einer self fulfilling prophecy zuzuarbeiten. Und doch ist die Gefahr real, dass die FPÖ bei der nächsten Nationalratswahl als stimmenstärkste Partei hervorgeht und damit nach den Schalthebeln der Macht greift:
Die ÖVP tut – trotz verbaler Abgrenzung gegen über dem neuen selbsternannten “Volkskanzler” – fast alles dazu, mit ihren politischen Vorschlägen den Boden für eine rechtsradikale Machtergreifung aufzubereiten: https://www.derstandard.at/…/schikanen-f252r-die…
Zur Vorbereitung lohnt ein Blick in die Studie der Zeitgeschichterin Margit Reiter: “Die Ehemaligen – Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ”: https://www.perlentaucher.de/…/marg…/die-ehemaligen.html
In dieser Arbeit zeichnet Schreiner entlang ausgewählter Akteure sowie ihrer politischer Organisationen VdU ab 1949 und FPÖ ab 1955/56 nach und macht so die sukzessive Integration der “Ehemaligen” in das politische Leben der jungen Republik deutlich. Entscheidend ist ihr dabei die Wirkung der “Moskauer Deklaration”, wonach Österreich als erstes Opfer des nationalsozialistischen Expansionismus verhandelt werden konnte.
Das aber führte zu einer Selbsteinschätzung der “Ehemaligen” nach 1945, die sich einerseits zu Opfern einer “zweiten Besetzung” durch die Alliierten hochzustilisieren vermochten und anderseits zu Helden, die gegen jeden Widerstand “nur” ihrer Pflicht erfüllt hätten.
Unschwer lässt sich erkennen, dass sich an dieser Figur bis heute nichts geändert hat: Aus den Alliierten wurden die Eliten, die das zum zweiten Mal “Volk” besetzt halten. Und aus den “Ehemaligen” die “Zukünftigen”, die dieses “Volk” gegen ihre Feinde verteidigen…..
Kann es sein, dass 80 Jahre nach dem Niederringen des Nationalsozialismus der Kampf gegen die Entnazifizierung gerade fröhliche Urständ feiert?
Dazu eine Redebeitrag von Margit Schreiner zum sogenannten “Dritten Lager”: https://at.video.search.yahoo.com/yhs/search…

Wenn die “Ehemaligen” zu den potentiell “Zukünftigen” werden.

 
Auch wenn die Gefahr besteht, einer self fulfilling prophecy zuzuarbeiten. Und doch ist die Gefahr real, dass die FPÖ bei der nächsten Nationalratswahl als stimmenstärkste Partei hervorgeht und damit nach den Schalthebeln der Macht greift:
Die ÖVP tut – trotz verbaler Abgrenzung gegen über dem neuen selbsternannten “Volkskanzler” – fast alles dazu, mit ihren politischen Vorschlägen den Boden für eine rechtsradikale Machtergreifung aufzubereiten: https://at.search.yahoo.com/yhs/search?p=standard%20schickanen%20f%C3%BCr%20die%20schlagzeilen&hspart=fc&hsimp=yhs-3992&type=fc_AC24F280293_s69_g_e_d110123_n9201_c999&param1=7&param2=eJwdjcEOgjAQRH9lj5qYdqcFm8rVL%2FBKOBAopBFbgyjEr3cx2UzevDnsGPu6am5XMFtnXX1qknRvGIL7BDCMldLt3nuh%2BBQ0cAqFV3ClgmXRY8ji20Xw3Qo98jdOU6tLxXRYY%2Brz%2BqK0EFhxRSLORUXbHvPnAgPFRxpDd89avrMcaIhzGPKm%2F%2BsPYHQwmg%3D%3D
 
Zur Vorbereitung lohnt ein Blick in die Studie der Zeitgeschichterin Margit Reiter: “Die Ehemaligen – Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ”: https://www.perlentaucher.de/…/marg…/die-ehemaligen.html
In dieser Arbeit zeichnet Schreiner entlang ausgewählter Akteure sowie ihrer politischer Organisationen VdU ab 1949 und FPÖ ab 1955/56 nach und macht so die sukzessive Integration der “Ehemaligen” in das politische Leben der jungen Republik deutlich. Entscheidend ist ihr dabei die Wirkung der “Moskauer Deklaration”, wonach Österreich als erstes Opfer des nationalsozialistischen Expansionismus verhandelt werden konnte.
Das aber führte zu einer Selbsteinschätzung der “Ehemaligen” nach 1945, die sich einerseits zu Opfern einer “zweiten Besetzung” durch die Alliierten hochzustilisieren vermochten und anderseits zu Helden, die gegen jeden Widerstand “nur” ihrer Pflicht erfüllt hätten.
Unschwer lässt sich erkennen, dass sich an dieser Figur bis heute nichts geändert hat: Aus den Alliierten wurden die Eliten, die das zum zweiten Mal “Volk” besetzt halten. Und aus den “Ehemaligen” die “Zukünftigen”, die dieses “Volk” gegen ihre Feinde verteidigen…..
Kann es sein, dass 80 Jahre nach dem Niederringen des Nationalsozialismus der Kampf gegen die Entnazifizierung gerade fröhliche Urständ feiert?
Dazu eine Redebeitrag von Margit Schreiner zum sogenannten “Dritten Lager”: https://at.video.search.yahoo.com/yhs/search…

Scheiss auf die Kritik – Wenn Künstler Hundekot auf Rezensentinnen werfen

Künstler*innen stehen offensichtlich nicht immer im besten Einvernehmen mit ihren Kritiker*innen. Zuletzt hat der Hamburger Ballettdirektor Marco Goecke die Tanzkritikerin der FAZ Wiebke Hüster mit Hundekot. Begründung: Sie habe sein jüngstes Stück niedergeschrieben.

Man kann das Verhalten Goeckes als einmalige Überreaktion bewerten. Man kann sich bei der Gelegenheit aber auch noch einmal Gedanken über dieses spannungsgeladene Verhältnis zweier Berufsgruppen machen, die aufs Engste aufeinander bezogen sind. Und doch gerade dabei sind, immer weiter auseinander zu driften
Es gehört zu den zentralen Aufgaben der Kunstkritik, die künstlerische Produktion einem breiteren Publikum bekannt zu machen, darüber hinaus diesem begründete Vorschläge zur Bedeutung zu machen. Ihre gesellschaftspolitische Bedeutung liegt darin, den ästhetischen Diskurs über einen kleinen Kreis von Insidern hinaus am Laufen zu halten, um in breiteren Kreisen das Phänomen Kunst zu verhandeln. Kunstkritiker*innen sind damit Vermittler*innen par excellence, auch wenn das in der Vermittler*innen-Szene selbst gern negiert wird.

Vieles spricht dafür, dass zur Zeit die Spannungen zwischen Produktion und Kritik zunehmen. Da ist zum einen der offenbar unausrottbar selbstherrliche Gestus von Künstler*innen, die sich jegliche differenzierende oder gar negative Beurteilung verbitten. Diese solle sich darauf beschränken, das künstlerische Angebot zu affirmieren und nicht so tun, als verstünde sie es besser als der Schöpfer einer Kunst, die sich als unauslotbares, jede Einordnung entgegenstehendes Geheimnis offenbart, dessen Tragweite nur einigen wenigen Eingeweihten in vollem Ausmaß zugänglich ist.

Zum anderen wird die Medienlandschaft gerade in ihren Grundfesten erschüttert: Selbst große Medienhäuser sind nicht mehr in der Lage, erfahrene Kritiker*innen zu beschäftigen, die sich auf Augenhöhe des Kunstbetriebs wissen. Stattdessen wird das verbleibende Geschäft von einigen wenigen Freelancern betrieben, die in ihrer Prekarität kaum mehr in der Lage sind, einen profunden Überblick zu wahren und damit ihrem Auftrag der Einordnung des Rezensierten in einer vielfältigen Kulturlandschaft zu erfüllen. Sie konzentrieren sich auf einige wenige große Events, die der öffentlichen Aufmerksamkeit sicher sein können, während die vielen kleinen Produktionen, vor allem der freien Szene unter dem Radar medialer Aufmerksamkeit stattfinden.

Am entscheidendsten aber sind wohl auch hier die sozialen Medien. Als einfach zu handhabende Kommunikationsmittel suggerieren sie einen unmittelbaren Draht zwischen Produzent*innen und Rezipient*innen, der – noch dazu interaktiv gestaltbar – jede Form der dazwischen geschalteten Kritik obsolet erscheinen lässt. Man könnte auf den Gedanken kommen, hier feiere die Vorstellung einer alten Unmittelbarkeit der Kunstrezeption noch einmal fröhliche Urständ. Eine solche Form der „medialen Authentizität“ meint, auf eine kritische Distanz der Kritik verzichten zu können – Jeder Nutzer und jede Nutzerin wird somit zur Kunstinstanz, egal ob sie über das dafür notwendig ausdifferenzierte Geschmacksurteil verfügt oder nicht.

All diese Tendenzen machen klar, dass diese zu einem Ende einer aufklärerischen Haltung auch und gerade im Kunstbereich führt. Diese war explizit darauf gerichtet. Zwischen dem künstlerischen Schaffen und seiner Rezeption eine distanzierende Reflexionsform einzuführen, um das, was jeweils künstlerischer der Fall war zu kontextualisieren und damit einen (gemeinschaftsbildenden) Orientierungsrahmen zu schaffen.

Jetzt zählt die schiere Befindlichkeit. Und die kann dann schon mal dazu führen, ins Sackerl zu greifen und mit Hundekot herumzuwerfen.
Allen Süddeutsche-Leser*innen sei der Beitrag „Dackelalarm“ von Christine Dössel ans Herz gelegt: https://www.sueddeutsche.de/kultur/hannover-schauspiel-hundekot-kunst-kritik-marco-goecke-1.5750743?reduced=true

P.S.: Speziell in Wien hat sich eine besondere Spezies der (konservativen) Kunstkritik erhalten. Ihr geht es nicht vorrangig um die Einordnung des künstlerischen Geschehens. Ihr geht es um Ausüben von Macht als die „eigentlichen“ kulturpolitischen Akteur*innen. Die jüngsten Entscheidungen zu Leitungsfunktionen in eine Reihe von Kultureinrichtungen in der Stadt zeugen davon: https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=22041%3Akommentar-wien-wie-die-aktuellen-leitungs-neubesetzungen-die-theaterszene-der-stadt-aufwuehlen&catid=101&Itemid=84&fbclid=IwAR3SjvHQnYIPMe2HYHI1sK2nBlGrivD-CPuwHd4OKIG12cIXyDOJWZVtPNk

P.P.S.: Wer sich noch einmal grundsätzlich zur Einschätzung der Kulturkritik aus historischer Sicht auseinander setzen möchte, dem empfehle ich die Studie von Georg Bollenbeck: „Kulturkritik“: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-11515

Wenn das Fördersystem zurückschlägt

Der Ausbau der Kunst- und Kulturförderung in Österreich seit den 1970er Jahren gehört zu den großen kulturpolitischen Erfolgsgeschichten. Sukzessive wurden immer weitere Bereiche des Kulturbetriebs erfasst und mehr oder weniger maßgeschneiderte Förderinstrumente entwickelt. Daran ändere auch der Umstand wenig, dass sich dabei an den Prioritätensetzungen nur wenig geändert hat und die wenigen großen, gesetzlich verankerten Tanker in all den Jahren mit dem Gros der Fördermittel bedacht wurden, während der immer größere Rest mit bescheidenen Mitteln auskommen musste.

Am Anfang des Ausbaus stand der kulturpolitische Wille, mit bislang abseits stehenden Einzelkämpferinnen und Initiativen einen Deal einzugehen, der darin bestehen sollte, deren (kultur-)politisches Engagement für das Aufbrechen erstarrter Strukturen innerhalb des Kulturbetriebs zu nutzen, dessen Wirkungen früher oder später auch auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen sollte. Dies war wohl damals das Hauptmotiv der konservativen Kräfte, sich dagegen auszusprechen und vor einer neuen Abhängigkeit der Künstler*innen vom Staat zu warnen: In Wahrheit fürchteten sie sich vor einer neuen Allianz eines fortschrittlichen Kulturbetriebs mit den politischen Reformkräften.

Es ist anders gekommen. Staatliche Kulturpolitik hat ihren Anspruch aufgegeben, eine Allianz mit dem Kulturbetrieb zur weiteren Reform der Gesellschaft einzugehen. Auch wenn manche Sonntagsreden das Gegenteil behaupten. Daran ändern die neuen Auflagen bei der Förderung in Sachen Nachhaltigkeit oder Diversität nur wenig. Auch der Wille, sukzessive eine Umverteilung der Fördermittel zwischen etabliertem Kulturbetrieb und neuen Kräften herzustellen, hat sich in Luft aufgelöst: Die Großen bekommen weiterhin viel, die Kleinen wenig oder garnichts.

Auffallend aber ist, dass Kulturpolitik zunehmewnd in einen vordemokratischen Modus zurückfällt, in dem die Freude am „Gewähren“ und „Ermessen“ neue Urstände feiert. Seine Entsprechung findet diese obrigkeitliche Haltung in einem zunehmend apolitischen kulturellen Feld: Auch hier hat sich ganz offensichtlich ein neuer Autoritarismus breit gemacht, der immer weniger die eigene Initiative zum Maßstab des Handels macht sondern die Akteur*innen warten und hoffen lässt, staatliche Kulturpolitik würde es schon richten.

Diese Form der Rekonstruktion überkommender Hierarchien zwischen Fördergebern und Fördernehmern bestätigt nicht nur die konservativen Kritiker*innen von einst. Sie knebelt auch die Kraft des Kulturbetriebs, der sich wider besseren Wissens noch einmal in eine einseitige Abhängigkeit begibt, in der der Schaden allemal mehr wiegt als der Nutzen. Alle Beteiligten wissen, dass in der gegenwärtigen Regierungs-Konstellation keine handlungsleitenden kultur-politischen Perspektiven zu erwarten sind, die über Bestandsinteressen hinausweisen. Da kommt kein Heil mehr von oben. Und Warten auf staatliche Vorgaben erscheint mehr denn je eine mehr als unsichere Überlebensstrategie.

Will der Kulturbetrieb aber noch einmal gesellschaftliche Relevanz erlangen, dann wird er nicht drum herum kommen, das kulturpolitische Heft selbst in die Hand zu nehmen und – zusammen mit anderen fortschrittlichen Kräften – selbst an Perspektiven zu arbeiten, die über den Tellerrand der eigenen Bestandsinteressen hinausweist. Die Gesellschaft wird es ihm danken – nicht nur mit der Zunahme an Besucher*innen-Zahlen.

„Maria malt“ von Kirstin Breitenfellner – Eine Lesempfehlung für all diejenigen, die sich an (eigenen) Widersprüchen abarbeiten wollen, ohne eine Lösung zu erwarten

Es gibt Bücher, die machen es einem nicht leicht. Selten habe ich ein Buch mit so gemischten Gefühlen weggelegt wie „Maria malt“ von Kirstin Breitenfellner. Vordergründig ist der Text die romanhafte Auseinandersetzung mit dem Leben Maria Lassnigs, das ganz auf ihre Kunst gerichtet war. Breitenfellner hat viele Jahre recherchiert und danach versucht, die Ergebnisse in eine, der Hauptperson möglichst nahe künstlerische Sprache zu bringen. Mit diesem Versuch der sprachlichen Anverwandlung will sie von dem erzählen, was diese Ausnahmekünstlerin „als Ganzes“ ausgezeichnet hat. Darüber hinaus stellt der Text einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Kunstgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar, mit dem inneren und äußeren Wirrnisse einer beschädigten Nachkriegsgeneration spürbar werden.
 
Und so entsteht das Bild einer vielfach gebrochenen Persönlichkeit, die in ihrem künstlerischen Wahrheitsanspruch vor keiner Peinlichkeit zurückscheut. Sie treibt nicht der Wunsch nach persönlicher Entfaltung, nach Mitwirkung, nach (vordergründigem) Erfolg. Vielmehr benutzt sie die ihr innewohnenden Widersprüche, um das zu machen, um was es ihr als vorrangiges Antriebsmittel geht: um das Schaffen ihrer Kunst. Dem ordnet sie alles andere unter, ihre heillose Mutterbeziehung, ihre ungleichen Liebschaften, ihre Arbeitsbedingungen und ihr Verhältnis zu Leben und Tod.
 
Breitenfellner findet hierfür eine sehr besondere sprachliche Mischung aus Beobachtung, Bericht und Selbstdarstellung. Mit dieser Manier versucht sie so tief als möglich in die Person Maria Lassnig zu schlüpfen, um das auszudrücken, was diesen Menschen, der sich immer ein Stück außerhalb der Welt verortet hat, ausgemacht hat. Das kommt vor allem im letzten Kapitel mit demselben Titel wie das Buch zum Ausdruck, in dem die Ich-Erzählerin Lassnig noch einmal ihr bisheriges Leben Revue passieren lässt. Und so am Ende einen Lesefluss ermöglicht, der zuvor am Unwillen, sich einem solchen Leben auszusetzen, immer wieder zu scheitern drohte.
 
Ermüdend fand ich die vielen Gedanken-, ja Satzwiederholungen, die sich um die immergleichen Problemstellungen drehen. Ja, Künstlerinnen wurden (und werden wohl bis heute) benachteiligt; ja, der Kunstmarkt folgt einer anderen Logik als Lassnigs künstlerischem Schaffen; ja, auch Lassnig hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Mutter; und ja, sie kann sich nicht dauerhaft an einen Liebespartner binden, weil sie damit ihre Bestimmung als Künstlerin verraten würde. Mit diesen Gedanken wird der/die Leser in immer neuen Schleifen konfrontiert bis sie irgendwann unerträglich werden.
 
Und doch ist es vielleicht gerade dieser Wiederholungszwang, der Lassnig als eine herausragende und zugleich bis heute unterschätzte Künstlerin charakterisiert, die mit ihren Lebensthemen auf immer neue Weise konfrontiert ist. Und nicht zu lösen vermag, außer in ihrer künstlerischen Darstellung. Damit setzt Breitenfellner immerhin Assoziationen frei, die den/die Leser*in auf ein eigenes Verhalten verweist, wenn es darum geht, der eigenen Widersprüchlichkeit trotz immer neuer gedanklicher Anläufe nicht und nicht entkommen zu können (vor allem wenn dafür kein adäquates Ausdrucksmittel zur Verfügung steht).
 
Der größte Gewinn dieser Lektüre lag für mich in der Beobachtung einer Person, die sich jeglicher Scham entzieht. Die haltlos ausdrückt, was sie denkt und fühlt, und dafür auch soziale Sanktionierung in Kauf nimmt. Davon wünschte ich mir mehr, nicht nur unter Künstler*innen, in einer umfassend zugerichteten Gesellschaft. Der Lohn sind Bilder einer unverfälschten künstlerischen Wahrheit, die am Ende eine langen Künstler*innen-Lebens schließlich doch Eingang in den hegemonialen Kunstbetrieb gefunden haben. Über Sätze wie: „Über meine Mutter, diese stolze, schöne, lebenstüchtige und gesinnungslose Mutter kann ich nicht schreiben. Meine Gefühle zu ihr stecken wie ein Pfahl in meiner Brust. Wenn ich ihn herausziehen würde, würde ich verbluten“ oder „Erinnerung ist eine Illusion. Die Illusion versäumter Lieben“ werde ich noch lange nachdenken.

Der Falter hat das Buch in sein „Lesekränzchen“ aufgenommen.

Kultur und Krieg – Über kulturelle An-Eignung und kulturelle Ent-Eignung

Die Oe1-Sendung „Freundschaft, die den Krieg überdauert“ hat mir noch einmal die potentiell verheerenden Wirkungen des Anspruchs kultureller Zugehörigkeit vor Ohren geführt.

Es ist für mich gut nachvollziehbar, dass vor allem sich diskriminiert fühlende Menschen das Bedürfnis haben, sich entlang gemeinsamer Interessen zusammenzuschließen wollen, um ihr Standing in einer ungleichen Gesellschaft besseren Ausdruck verleihen zu können. Diese Interessen aber zu „Kultur“ zu erhöhen, torpetiert die Idee des Politischen, der u.a. auf der Relativierung jeglicher Zugehörigkeit beruht. Der Anspruch einer je „eigenen Kultur“ hingegen verweist auf eine prinzipielle Andersartigkeit ihrer Träger, die sie kategorial von allen anderen unterscheidet. Ein politischer Aushandlungsprozess mit den Zugehörigen einer anderen Kultur wird so ausgeschlossen. Was am Ende bleibt, das ist ein Kulturampf auf Leben oder Tod – Du oder ich.

Als junge Sozialarbeiter waren wir von der Mission bestimmt, vor allem benachteiligte Jugendliche in ihrem kulturellen Selbstverständnis bzw. kulturellen Zugehörigkeit stärken zu müssen. Dieses würde ihnen die Kraft geben, sich ihrer sozialen Ausgesetztheit bewusst zu werden, um sich so für den politischen Kampf um ein besseres Standing in der Gesellschaft aufzumunitionieren.

Darin waren wir offensichtlich sehr erfolgreich. Aber nach 50 Jahren der „Kulturalisierung“ der nationalen Gesellschaften müssen wir erkennen, dass das nur der erste Schritt sein konnte. Sich der eigenen kulturellen Zugehörigkeit bewußt zu werden, das ist das eine. Aus ihr heraustreten und sich als politisches Subjekt davon zu emanzipieren, das ist der andere, wahrscheinlich entscheidende Schritt, wenn demokratisches Zusammenleben gelingen soll.

Die aktuelle kulturpolitische Diskussion um kulturelle Identität, kulturelle Aneignung und damit verbundene Ein- und Ausschlussstrategien hat das Potential, die ursprünglich damit verbundenen Intentionen gesellschaftlicher Partizipation in ihr Gegenteil zu verkehren. Die verheerenden Wirkungen einer an „Kultur“ ausgerichteten gesellschaftlichen kulturellen Interpretation politischer Interessen kann bis heute nirgends so gut studiert werden wie am Fall Bosnien. Antidemokraten aller Länder wissen, wie es geht.

Um diesen entgegenzutreten, erscheint es mir heute so wichtig wie nie zuvor, Menschen aus ihren kulturellen Gefängnissen zu befreien, sie heraustreten zu lassen aus ihrer zugeschriebenen kulturellen Bestimmung. Es gilt, sie in erster Linie als politische Subjekte zu begreifen ungeachtet dessen, was sie an kulturellem Ballast noch mit sich herumschleppen bzw. was Mächtige versuchen, Menschen auf ihre kulturellen Besonderheiten zu reduzieren.

In einer historischen Phase umfassender Verunsicherung ist es verführerisch, sich auf der Suche nach Gemeinschaftsgefühl ins, von cleveren Politstrateg*innen gemachte Bett kultureller Zugehörigkeit fallen zu lassen. Von dieser kollektiven Regression haben sich – wie uns René Pfister in ihrer jüngst veröffentlichten Studie „Kein falsches Wort“ berichtet – mittlerweile auch Teile der Linken haben anstecken lassen. Eine nachhaltige Emanzipation der „Erniedrigten und Beleidigten“ können wir dadurch nicht erwarten.

Vielmehr von einer Kulturpolitik, die uns im politischen Kampf lehrt, kulturelle Zugehörigkeiten zu ent-lernen, damit, sich ihrer Relativität bewusst zu werden, sich ihrer zu entledigen bzw. vergessen zu lassen. Jedenfalls in politischen Entscheidungsprozessen, die darauf gerichtet sind, gleichberechtigte Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft in permanenten Interessensausgleich treten zu lassen.

Vielleicht war es noch nie so wichtig, dass Kulturpolitik öffentliche Orte bereithält, deren Zugang daran gebunden ist, kulturelle Zuschreibungen an der Garderobe abzugeben.  

Die damit kulturelles Ent-Lernen zur obersten Maxime macht.

 

Das soziale Milieu als Medium der Selbstunterdrückung

2017 veröffentliche J. D. Vance mit “Hillbilly-Elegy” seine Version der Geschichte seiner Familie in einer Gesellschaft in der Krise. Sein Buch wurde damals als exemplarische Interpretation dafür gepriesen, warum Donald Trump in den USA zum Führer einer depravierten weißen Arbeiterschicht werden konnte. Und dass es sich lohnt, daraus auszubrechen. Vance wächst hinein in eine perspektivlose Niedergangsgesellschaft des Rust Belt. Und doch gelingt es ihm, gegen alle, ihn permanent herunterziehenden Beharrungskräfte der Familie, sich aus diesem Umfeld herauszuwurschteln und als Repräsentant einer “meritocratic society” in den wohlhabenden Mittelstand aufzusteigen. Seine Biographie wurde 2020 für Netflix verfilmt.

Am Vorabend der Midterm Elections erfahren wir in der Wiener Zeitung, dass sich J. D. Vance als republikanischer Kandidat in Ohio um einen Senatssitz bewirbt. Noch 2016 un damit vor der Veröffentlichung von “Hillbilly-Elegy” sprach Vance von Trump als einem “zynischen Arschloch wie Nixon oder Amerikas Hitler”, dessen Zulauf in Rassismus und Xenophobie wurzelt.

Jetzt konvertierte Vance zu “einem der ergebendsten Apostel Donald Trumps”, in der Hoffnung, mit seinem Rückenwind den Einzug in den Kongress zu schaffen.

Und ich suche nach einer Erklärung dafür, wie nach einer solchen Aufstiegsgeschichte dieser abermalige Seitenwechsel möglich ist. Was muss in diesem Menschen passiert sein, um seine individuelle Haltung in kollektiven Zynismus zu verkehren? Und komme zur Vermutung, dass in der gegenwärtigen politischen Situation die Klebekräfte des Herkunftsmilieus so groß geworden sind, dass individuelles Entkommen trotz aller Anstrengung nicht mehr möglich ist.

In gewisser Weise ist Vance also in die Gegebenheiten seiner haltlos-drogensüchtigen Mutter zurückgekehrt, die sich und ihre Umgebung die ganze Zeit am Schmäh führt und von der die Großmutter versucht hat, ihn zu befreien. Den Job der Mutter hat jetzt Trump übernommen. Er ist der Garant dafür, dass es für die Benachteiligten keine Perspektive gibt. Außer Hass auf sich selbst, auf andere, auf die Welt. Und Vance – der erfahren hat, dass es anders geht – hilft ihm dabei.

 

Barbara Maria Neu

Neben dem Wirken als klassische Klarinettistin im kammermusikalischen Bereich sucht Barbara Maria Neu in ihrer eigenen künstlerischen Arbeit die Einbindung von Musik und Instrumentalspiel in eine performative und szenische Darstellung sowie eine Verbindung von Musik hin zu bildender Kunst.