Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
“Die Musik verbindet mit der ganzen Welt!”
Diese Rückmeldung zu meiner Neujahrs-Konzert-Polemik ist mir besonders hängen geblieben. Ich kann die Hoffnung nur zu gut nachvollziehen, in all den Widrigkeiten, die zur Zeit die Welt beherrschen, muss es doch zumindest ein Medium geben, das uns alle irgendwie zusammenhält. Und die Welt zu einem besseren Ort macht. Und wenn schon der Herrgott nicht für Ordnung sorgt, dann soll uns wenigstens die Strauss’sche Musik die Hoffnung vermitteln, dass alles doch noch gut wird.
Die Realität sieht freilich anders aus. Das, was da für alle Welt beansprucht wird, ist wohl eher eine Vereinbarung einer sehr spezifischen sozialen Gruppe, die meint, für die ganze Welt reden zu können. Auch wenn ihrer Vertreterinnen es nicht gerne hören wollen, so stellt diese Behauptung vor allem einen Status-Anspruch dar, der die eigene Haltung zu einer sehr spezifischen Art, Musik zu machen, über die aller anderen stellt.
Vieles spricht dafür, dass es sich dabei auch noch um eine weitgehend inhaltsleere Haltung handelt. Immerhin gibt es wenig Evidenz, dass sich Besucherinnen des Neujahrskonzertes nach dem Ende irgendwie anders verhalten würden, friedfertiger, zugewandter, selbstkritischer, neugieriger…
Statt dessen überwiegen wohl Selbstbestätigung, allenfalls Selbsterhebung für einen Moment, vor allem aber Zufriedenheit darüber, nach all dem weihnachtlichen Stress zumindest zwei Stunden von den Mühen der Alltagsgestaltung entbunden gewesen zu sein. Weil sie dabei sein konnten bei einem Ereignis, das – jedenfalls für sie – Unterhaltung auf höchsten Niveau geboten hat.
Gern wird die herausragende künstlerische Qualität des Dargebotenen ins Treffen geführt, das für eben diese ganze Welt Verbindlichkeit schaffen würde. Und doch ist auch dies eine Zuschreibung, die für eben diese soziale Gruppe zutreffend ist, für alle anderen aber möglicherweise überhaupt keine Relevanz hat. Und sei es, weil sie nicht nur musikalisch an
einem ganz anderen Ort leben.
Und so müssen wir damit leben, dass es künstlerische Qualität an sich nicht gibt. Das gilt insbesondere für die Reproduktion Strauss’scher Musik im Rahmen der Tradition des Neujahrkonzertes. Wie keine andere musikalische Darstellungsform ist diese bis zur völligen Unkenntlichkeit dessen, was die Komponisten ursprünglich intendiert haben mögen, überformt von äußeren Einflüssen: Beginnend mit den Intentionen seiner institutionellen Entstehung im Zuge der Nazi-Diktatur (1939 “Winterhilfswerk”), der Charakteristik seiner Dirigenten, der traditionellen Frauenfeindlichkeit des Orchesters, der kulturpolitischen und medienwirtschaftlichen Indienstnahme, das alles sind Faktoren, die mitklingen beim Hören dieser Musik. Ob wir es wollen oder nicht. Und ob es der Welt gefällt oder nicht.
Allein, dass dieses Jahr erstmals einem offen schuler Dirigent die Leitung übertragen wurde (wohl auch um noch einmal das leidige Problem weiblicher Dirigentinnen wegzuschieben), und es als eine große Errungenschaft bewertet wurde, dass es dieser geschafft hat, dem Ensemble unter größter medialer Aufmerksamkeit die Musik einer weiblichen und auch noch afro-amerikanischen Komponistin auf die Pulte zu legen, spricht gegen die Naivität musikalischer Rezeption im luftleeren Raum.
Es gehört für mich zu den wichtigsten kultur-politischen Erkenntnissen, dass im letzten von den Rezipientinnen geschaffen wird. Ja, die Künstlerinnen liefern das Material, aber Bedeutung erhält dieses erst in den Rezpientinnen. Und es liegt in ihrer Natur, dass sie das, was sie sozial repräsentieren, nicht an der Tür – in unserem Fall des Musikervereins – abgeben. Also hören und sehen sie mit dem, was sich als Persönlichkeiten ausmacht. Und haben dabei alles Recht, das, was sie hören, für sich und unter sich wertzuschätzen.
Die einzige Bitte an alle Neujahrs-Konzert-Begeisterten, die ich doch nicht zurückhalten kann läuft darauf hinaus, dabei nicht allzu übergriffig zu werden. Sondern sich selbst zu beschränken und das, was sie erfahren, nicht zu verallgemeinern. Weil es Diskriminierung bedeutet.
Denn erst wenn wir aufhören, das Eigene für das Ganze zu halten, kommen wir vielleicht dem näher, was die Vielfalt von Welt in- und abseits des Neujahrskonzertes ausmacht.
