Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Das Ende der Kulturpolitik als Verwaltungsakt
Entgegen der grassierenden Jetzt-Vergessenheit hilft mir, draufkommen zu wollen, warum sich die aktuelle kultur-politische Diskussion als so leer erweist, mehr, warum ihr die gesellschaftspolitische Dimension weitgehend abhanden gekommen erscheint.
In meiner Rückschau bin ich auf die ersten Kunstberichte des Unterrichtsressorts ab 1970/71 gestoßen, die geprägt waren vom kulturpolitischen Willen, der Österreich beherrschenden Dominanz eines konservativen Kulturbetriebs etwas entgegen zu setzen. Die wichtigste Maßnahme bestand wohl darin, eine eigene Kunst-Sektion zu etablieren, die sich explizit als Anwältin der unterschiedlichsten Ausdrucksformen von Gegenwartskunst verstand. Auf ihr begründete sich die Entfaltung eines umfassenden Kunstfördersystems, dass neben den großen Tankern so etwas wie eine lebendige zeitgemässe Kunstszene entstehen liess und mit der Verbabschiedung des Bundeskunstförderungsgesetzes auch ihre legistische Begründung fand (so forderte auch Kreisky eine durchaus “radikale Kulturpolitik” innerhalb der konservativen Verfasstheit Österreichs). Seither existierten zwei Verwaltungseinheiten, deren eine sich mit “toter” und die andere mit “lebender” Kunst beschäftigte, um im Laufe der Jahre abenteuerliche Änderungen unterschiedlicher Ressortzuständigkeiten zu erfahren.
Es ist dem Sparstift des damals obersten Beamten der Republik Manfred Mazka zu verdanken, dass 2015 die Kunst- und Kultursektion wieder zusammengelegt wurden. Seither ist wieder eine Sektion für alle künstlerisch-kulturellen Belange der Republik zuständig, für die großen ausgelagerten Einrichtungen (Bundestheater, Bundesmuseeen,…) ebenso wie für den weitgehend vereinzelten Freien Bereich.
Ein einfacher Verwaltungsakt, könnte man vermuten. Und doch das weitgehende Ende kulturpolitischer Anwaltschaft für all diejenigen, die sich von der bleiernen Decke der Tradition seither wieder zunehmend erdrückt fühlen.
Und mir wird bewußt, dass es eine administrative Maßnahme war, die die Grundlage für einen breiten kulturpolitischen Diskurs (ja inklusive der Forderung nach zeitgemäßer Umverteilung öffentlicher Mittel vom Etablierten zum Neuen) ermöglicht. Und eine andere, die diesen zu einem Ende brachte.
Und heute nur mehr wenige verstehen, was der vom amtierenden Kulturminister mitgetragene Hype rund ums Neujahrskonzert mit denen macht, die als Mitglieder der Freien Szene nicht im öffentlichen Rampenlicht stehen.
