Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Damit wir es in diesen Tagen nicht vergessen: Es ist der soziale Kontext, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet.
Es ist schon eine Weile her, dass ich einen Vortrag des deutschen Migrations- und Bildungssoziologen Aladin El-Mafaalani gehört habe. Er erzählte u.a. von einem Stammtisch, um den sich diejenigen, die meinen, etwas in der Gesellschaft zu sagen zu haben, versammeln und ihr Selbstverständnis pflegen. Mit halbem Augenzwinkern darf da schon einmal abfällig über Frauen, Behinderte, Schwule oder Ausländer gesprochen oder den Juden die Schuld an dem oder dem zugesprochen werden. Und sei es, damit die eigene inferiore gesellschaftliche Position zu camouflieren. Um diesen Stammtisch herum hätten sich eine Menge anderer Menschen wortlos am Boden gelagert, um sich die längste Zeit mit den Krümeln vom Tisch, die ihnen fallweise zugeworfen werden, zufrieden zu geben.
El-Mafaalani sah in seinen Überlegungen dieses starre Bild in Auflösung begriffen. Die letzten Jahre seien davon gekennzeichnet gewesen, dass immer mehr vom Boden aufgestanden seien, sich einen Sessel geschnappt hätten, um ihrerseits am Tisch Platz zu nehmen. Das habe zu zunehmender Missbilligung der Alteingesessenen geführt, sie hätten begonnen, sich gegen die Störung der heiligen Ordnung zur Wehr zu setzen und versucht, die sich Erhebenden wieder auf ihre Plätze zu zwingen. Dies umso mehr, als diese nicht nur gleichen Zugang zu den Ressourcen gefordert hätten sondern bei der Gelegenheit auch neue Sprachregelungen einführen wollten, womöglich gendergerecht, antidiskriminierend oder auch nur die Rede-Dominanz der alten Platzhirsche in Frage stellend.
Ein ähnliches Bild wählt auch Hanno Sauer in “Klasse”, um zu erklären, warum gerade jetzt vor allem die “einfachen Leute” dazu neigen würden, sich rechtpopulistischen Kräften anzuschließen. Diese würden versprechen, die “alten Verhältnisse” wieder herzustellen. Beide El-Mafaalani und Sauer kommen so zum Schluss, dass wir gerade die Konsequenzen einer beeindruckenden Erfolgsgeschichte erleben, in der wir unsschwer den Willen zum Aufstieg bislang diskriminierter Gruppen in die Mitte der Gesellschaft erkennen können (auch wenn dieser noch lange nicht zu völliger Enthierarchisierung geführt hat).
In der Diskussion innerhalb der liberalen Blase wurde freilich zu wenig darüber gesprochen, dass dass dieser Kampf um den Stammtisch Auswirkungen zeigt, und zwar für verschiedene soziale Gruppen sehr verschiedene: Während aufgeklärte Wohlstandsbürgerinnen sich darüber freuen mögen, dass in diesem vielfältigen Emanzipationsmilieu neue Erfahrungen mit den “anderen” möglich und darüber hinaus – ohne wesentliche Konsequenzen für die eigenen Lebensumstände ziehen zu müssen – das Gerechtigkeitsempfinden befriedigt werden, erleben die traditionellen Stammtischgäste all die Aufstrebenden als eine Bedrohung (zumal diese zum Unterschied von ihnen von offizieller Seite auch noch hofiert werden): Materiell als Konkurrenten am Arbeitsplatz. Und ideell als Unbefugte, die plötzlich mitreden wollen gleich beim ganzen Weltbild, das sie sich selbst mühsam zurechtgelegt haben (Und mir wird plötzlich klar, wieso es möglich ist, eine nach meiner Lesart völlig überzogene Kontroverse zu gendergerechter Sprache zu führen: Weil “wir” und nur wir bestimmen, was ein echter Mann ist. Und eine echte Frau! Und ich ein solcher bin. Und meine Frau eine solche).
Leider blieb es bislang den Rechtspopulisten vorbehalten, aus dieser Schwächung einer schon immer wahlentscheidenden Gruppe allein Kapital zu schlagen. Also versprechen sie ihren Parteigängerinnen, ihnen wieder zu ihren angestammten Plätzen zu verhelfen. Und all die Störer mehr oder weniger unsanft hinauszuweisen, auf dass sie selber schauen sollen, wo sie bleiben. Und ja, dann darf beim Schnapsen auch wieder haltlos gegen die und die und gegen die auch gestänkert, gelästert und wenn notwendig auch gewütet werden.
Aladin El-Mafaalani hat bereits 2018 den Essay “Das Integrations-Paradox ” herausgebracht. Er beschreibt darin diesen Willen all der Minderheiten. ins Zentrum zu drängen als herausragende gesellschaftliche Leistung der letzten Jahre. Das, was sich da an Gegenwehr aufbaut, ist ihm nur die notwendige Konsequenz bei denen, die sich stur an ihren Stammtischen festkrallen. Und damit zentrale politische Herausforderung, sich um diese zwecks Aufrechterhaltung loiberaler Demokratie zu kümmern.
Was mich zur Vermutung bringt, dass dieses Paradoxon nur aufzulösen ist, wenn es politisch gelingt, diejenigen, die jetzt fürchten, von “den Neuen” von ihren Sesseln herumtergezerrt zu werden, mit auf die Reise zu nehmen, sozialpolitisch, arbeitsmarktpolitisch, bildungspolitisch, gesundheitspolitisch,… Appelle von ein paar Kosmopolitinnen wie mich, vermögen diese Anstrengung nicht zu kompensieren.
All die Verunsicherten in ihrer wachsenden Wut über die jetzt sie diskriminierenden Umstände den Rechten zu überlassen, bewirkt, eine historisch einmalige Erfolgsgeschichte (ganz ohne revolutionäre Nebenwirkungen) zu einer Niederlage werden zu lassen.
