Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
30/01/2026
Dürfen die denn das überhaupt? – Cherien Dabisdas und ihr Film “Im Schatten des Orangenbaums” ( https://www.youtube.com/watch?v=75v4jEERoHQ )
Erst wenn man die meisten Kritiken zum Film von Cherien Dabisdas “Im Schatten des Orangenbaums” gelesen hat, von welch einseitigem Bias das öffentliche Gespräch über das ebenso erzwungene wie misslingende Zusammenleben von Israelis und Palästinensern hierorts geprägt wird.
Sie sprechen von einem bitteren, einseitigen Film, der die Untaten der israelischen Besatzung grell beleuchtet und die Gewalttätigkeit der palästinensischen Militärs negiert. Und in der Tat, Jassir Arafat tritt nicht auf (so wenig wie Menachim Begin), nicht die PLO, und auch nicht die Hamas.
Statt dessen zeigt Dabisdas einfach eine ganz durchschnittliche palästinensische Familie über drei Generationen seit 1948 im Versuch, in einer gewaltsamen, unmenschlichen und aussichtslosen Umgebung zurecht zu kommen.
Und wir erleben Palästinenserinnen als ganz normale Menschen, mit ihren Stärken und Schwächen, die einer Situation ausgesetzt sind, über die sie nicht verfügen können. Und ja die ist bitter. Und sie ist einseitig. Und wir wissen viel zu wenig darüber, was das mit den Betroffenen macht.
Die Pointe des Films besteht in einer elementaren Gewissensentscheidung (die hier nicht verraten werden soll). Sie führt zu einem Satz, der zusammenführt, was der Film sagen will:
Menschlichkeit ist eine Form des Widerstands.
Ja, ästhetisch kann der Film die Überlänge nicht ganz ausfüllen. Da neigt die Empathie der Filmemacherin am Ende zu berührender Melancholie über das Wissen, gescheitert zu sein.
Und doch: wer sich zum mörderischen Konflikt zwischen Israel und Palästina äußert, sollte sich nicht auf die Berichterstattung von israelisch gelenkte embedded journalists über Terror, Krieg und ihre Folgen beschränken sondern diesen Film gesehen haben.
Weil im Westjordanland ebenso wie in Israel empathiefähige Menschen wie du und ich wohnen, deren Recht ein selbstbestimmtes Leben zu führen von den Zwängen der Politik seit nunmehr 80 Jahren pervertiert wird.
