Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Aladin El-Mafaalani – Der Spezialist der Widersprüche als Kulturvermittler
Vorneweg: Der jüngst veröffentlichte Text “Misstrauenesgemeinschaften” des deutschen Bildungssoziologen Aladin El-Mafaalani ist kein großer Wurf, eher ein Abfallprodukt des Vorlesungsbetriebs. Und doch formuliert der Autor auch in dieser kleinen Schrift einen seiner produktiven Widersprüche,die zum Weiterdenken einladen.
Seine These diesmal lautet, dass der Erfolg des Staates beim Versuch, zum Nutzen der Benachteiligten ein immer dichteres Regelwerk über die Gesellschschaft zu legen, sich nicht in einer Zunahme des Vertrauens bei den Betroffenen äußert. Sondern ganz im Gegenteil in einer Zunahme des Misstrauens. Zumal sie seinen Versuchen, der Willkür in einer zunehmend komplexen und unverunsichernden Umgebung Einhalt zu gebieten als hinderliche Einschränkung von Freiheitsansprüchen und damit als Verunmöglichung der Teilnahme an einer möglichst ungebremsten Konkurrenz um individuellen Erfolg interpretiert werden.
El-Mafaalani beschreibt wesentliche gesellschaftliche Mechanismen, allen voran die von Gate Keepern befreiten sozialen Medien, die die Vergemeinschaftung der Misstrauenden gegenüber der Aufrechterhaltung von Vertrauen in die rechtsstaatlichen Errungenschaften begünstigen würden.
Und verfehlt doch die politische Dimension der Geschichte, die für mich im Übergang der bürgerlichen Gesellschaft in eine Diversitätsgesellschaft besteht. Vieles spricht dafür, dass das große Versprechen der allgemeinen Verbürgerlichung mit all seinen Aufstiegsversprechen wesentlich an Wirkkraft verloren hat: Als Hüterin de Wahrheit sah sich die Bürgergesellschaft als Referenz gesellschaftlicher Entwicklung, an der sich alle, die es noch nicht geschafft hatten, orientieren konnten und sollten. Sozialstaatliche Verfasstheit, wissenschaftliche Erkenntnisse, Kultur und Bildung für alle schienen die hinreichenden Voraussetzungen, um sich aneinander als Gleiche zu erkennen und entsprechend Vertrauen zueinander zu fassen.
Und doch ist es anders gekommen: Immer mehr Menschen erfahren ganz handgreiflich, dass ihnen und ihren Nachkommen der Weg in die Mitte der Gesellschaft verschlossen bleibt. Und sie also um ihre Aufstiegshoffnungen betrogen werden. Umgekehrt fürchten diejenigen, die es in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben, die da unten würden sie mit ihren Ansprüchen auf Teilhabe um den Lohn ihrer Bemühungen um meine bürgerliche Existenz bringen.
So geht soziale Spaltung. Und so geht Misstrauensproduktion: Warum sollten die da unten noch den Versprechungen der selbsternannten Hüterinnen de Allgemeinwohls, sei es in Form von Rechtsstaatlichkeit, Wissenschaft, Bildung oder Kultur noch glauben, wenn ihnen mit der schrumpelig gewordenen Karotte des Aufstiegsversprechens vor der Nase zugleich eingetrommelt wird, sie selbst seien schuld an ihrer Inferiorität. Die einzig logische Konsequenz: Den Sirenenklängen mit all ihren Widersprüchen derer da oben zu misstrauen und sich ihre eigene Wirklichkeit zu basteln.
Übrigens: Misstrauen ist keine neue Kategorie. Die “Erniedrigten und Beleidigten” des 19.Jahrhunderts waren voll Misstrauen gegen über denen, die ihr Elend verursachen. Sie hatten allen Grund dafür. Und sie haben Führer gefunden, um sie von diesem Los zu befreien.
Das tun die Elenden von heute auch. Auf eine Weise, die “uns”, den Begünstigten Angst macht. Und uns als (noch) Handlungsmächtige zwingt zu entscheiden, sich politisch entlang von Solidarität oder von Misstrauen lenken zu lassen.
Darüber hätte ich gern von El-Mafaalani erfahren.
