Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
23/03/2026
Mühl als Lackmustest für den Kunstbetrieb – Selten lässt sich der Bedeutungswandel von Kunst so eindeutig erzählen wie im Fall Otto Mühl.
Immerhin sind die meisten von uns künstlerisch sozialisiert entlang eines unaufhebbaren Werkcharakters von Kunst, das ausschließlich ihren Wert bestimmen würde. Der Ausdruck dafür findet sich ebenso am; Zahlen setzenden Kunstmarkt ebenso in traditionellen Sammlungen, die das Kunstobjekt als ein physisches Ereignis, in den Mittelpunkt rückt.
Eine solche Sicht ist aufs Engste mit der Ideologie bürgerlicher Existenz verbunden, wonach sich die (gottgleiche) Schöpfung des/der einzelnen über die Schöpfungsbedingungen erhebt. um sich so den Betrachtern in ihrem (sozial unbelasteten) Eigensinn zu erkennen zu geben. Also hat auch Otto Mühl Kunst geschaffen, die sich über die Fehlentwicklungen des von ihm dominierten Sozialexperiments erhebt. Um es dank der Beglaubigung von Experten wie Claus Albrecht Schröder aus dem Entstehungskontext herausheben zu lassen (bzw. schadlos bzw. wertsteigernd in den Kontext des Kunstbetriebs überführen zu lassen).
Spätestens mit Umberto Ecos “Das offene Kunstwerk” (aus 1972) kommen wir um die Einsicht nicht herum, dass sich mir dem Ende bürgerlicher Suprematieansprüche auch der Charakter von Kunst ändert. Und sich Kunst an die Stelle seines, entlang umfänglicher Bildungsprozesse einzuübenden Werkcharakters zu einer Form der Kommunikationsform weiterentwickelt hat, in der Produktions-, Vermittlungs- und Rezeptionsbedingungen gleichermaßen Bedeutung gewinnen, um das zu erfahren, was die Besonderheit von Kunst ausmacht.
Nein, der Kunstbetrieb ist keine moralische Anstalt. Und über Wahrheit haben seine materiellen hervorbringungen wahrscheinlich auch immer weniger zu sagen. Bleibt die Schönheit, die – das zeigt die Causa Mühl exemplarisch – immer weniger von einzelnen Ausnahmemenschen vorgegeben werden kann. Sondern zum Auftrag an alle wird, sich im Wissen unaufhebbarer Abhängigkit voneinander auf immer neue Weise darüber zu verständigen.
Weil wir im Prinzip alle Künstlerinnen sind. Wenn wir akzeptieren, dass wir nicht allein auf der Welt sind.
https://www.derstandard.at/story/3000000313551/causa-muehl-vizekanzler-initiiert-expertenrat-fuer-taeterkunst
