Michael Wimmer
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Wimmer’s Kommentar

Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.

14/09/2026

“Das Vaterland” – ein Film von Pawel Pawlikowski. Eine Empfehlung

Ui, so hat es also ausgesehen im Deutschland des Jahres 1949, als ich gezeugt wurde. Rundum zerstörte Stadtlandschaften, die Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt, dazwischen Soldaten der Besatzungs- bzw. Befreiungsmächte. Ja, und dann gibt es noch eine Gruppe älterer soignierter Herren, die den deutschen Geist wieder auferstehen lassen möchten. Sie finden ihre Selbstbestätigung in der Wiedererichtung eines kulturellen Gerüsts, das noch einmal ansatzlos über das hinausweisen soll, was zwischen 1933 und 1945 falsch gelaufen ist.

Und dazu scheint niemand so sehr geeignet wie Thomas Mann, der Autor von Weltrang, der 1918 in seinen “Betrachtungen eines Unpolitischen” noch wider die kulturelle Verflachung durch die Massen-Demokratie angeschrieben hat, um sich im US-amerikanischen Exil zu einem Kämpfer gegen das MNazi-Unrechtsregime zu profilieren.

Jetzt hat er sich nach langem Zögern entschieden, mit seiner Frau Katja (im Film mit seiner Tochter Erika) seine Heimat zu besuchen und Ehrungen im Namen Goethes entgegen zu nehmen. Trotz der Stimmen, die ihn als Verräter denunzierten, der sich ein schönes Leben in den USA gemacht hätte, während sie selbst Unrecht, dazu Not und Elend am eigenen Leben erleiden mussten.

Und doch liess sich auch Mann vom Anspruch überzeugen, “dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben” (Alexander Lernet-Holenia), um möglichst ungeschehen zu machen, was doch passiert ist. In der russischen Besatzungszone ist der politische Anspruch noch unverblümter; Mann soll nicht nur in eine Reihe mit Goethe gestellt werden sondern bei der Gelegenheit auch dafür herhalten, das neue politische Regime als führender Kulturfunktionär zu legitimieren.

Mann fühlt sich sichtbar angesprochen, es ist seine Tochter Erika, die ihn darauf hinweist, mit seinen blumigen Äusserungen doch nur als Staffage herzuhalten, dort, wo die politischen Realitäten längst eine andere Sprache sprechen.

Es ist dieser Widerspruch zwischen “Dichtung und Wahrheit”, in diesem Fall Anerkennung eines dichterischen Werks und der Wahrnehmung der restaurativen politischen Realitäten, der den Film “Vaterland” von Pawel Pawlikoswski antreibt. Zwei große Darstellerinnen, Sandra Hüller und Hanns Zischler verdeutlichen diesen Widerspruch exemplarisch, wenn sich ihre Figuren – wissend um die Gefahr – immer tiefer verstricken in ein rein kulturell begründetetes Abhängigkeitsverhältnis, das doch auf politische Instrumentalisierung hinausläuft, im Westen ebenso wie im Osten.

Dazwischen bricht rund um den Selbstmord von Klaus Mann ein ganz persönlicher Konflikt zwischen den beiden auf, der ausgerechnet in der Sprachlosigkeit von Thomans Mann gründet.

Am Ende flüchten die beiden. Auf ihrem Weg zieht ein zerstörtes Herrschaftsgebäude an ihren Fenstern vorbei. Sie halten an und geraten in eine devastierte Kirche. Ein alte, verstimmte Orgel auf der Empore wird gerade repariert. Und dann beginnt der Organist den Choral “Jesus bleibet meine Freude”aus der Bach-Kantate: Choral: “Herz und Mund und Tat und Leben”

Und die beiden sitzen stumm da, ergriffen, weinend.

Und auch der Zuschauer bekommt – zumindest für einen Moment – mit, um was es in der Kultur geht. Und um was nicht.

Pawlikowski hat mit seinem Team einen grandiosen Film geschaffen, der mehr über uns erzählt als uns mit all unseren kulturellen Ambitionen wohl lieb ist. Und gerade deshalb.

https://www.youtube.com/watch?v=92yuVqgKWmk

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