Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Die Wahrheitsversprecher und die Verletzlichkeit der Demokratie als Ort des Kompromisses
Mit der zunehmenden Rechtsradikalisierung der modernen Gesellschaften drängt sich mir der Begriff der Wahrheit auf. Und mir wird nochmals die Ungeheuerlichkeit eines aufklärererischen Denkens bewußt, das sich von einem Gott/Natur/Herrscher gegebenen universellen Wahrheitsanspruch verabschiedet hat, um die Beschränktheit des Menschen zum Ausgangspunkt von Welterfahrung zu machen: Wahr ist seither immer nur ein Kompromiss derjenigen, die sich bei aller Unterschiedlichkeit zusammentun, um der Welt eine sie verbindende Erklärung abzutrotzen. Aus einem unbedingten Wahrheitsanspruch wurde ein bedinger Kompromiss – darin liegt seither das eigentliche Fortschrittsversprechen. Die, die das zumindest geahnt haben, mussten dafür immer wieder einen hohen Preis bezahlen.
Diese “Vermenschlichung” von Wahrheit wurde seither immer wieder beeinsprucht: Die Wissenschaft sollte sich nochmals auf die
Suche machen, in der Romantik sollte immerhin in der Kunst die Wahrheit hervorlugen. Und ja, dann kamen die säkularen Religionen des Faschismus, Sowjetismus, Nationalsozialismus und wohl noch einige mehr, die mit ihrer Führungselite ihre Herrschaftswahrheit durchgesetzt haben, selbst um den Preis von Millionen Toten, deren Wahrheiten für irrelevant erklärt wurden, .
Damit schien spätestens 1989/90 Schluss. Der Zusammenbruch des Sowjetblocks kann auch als eine Verabschiedung eines absoluten Wahrheitsanspruchs gelesen werden, um den Menschen die Freiheit zu geben, sich auf die Suche ihrer je eigenen Wahrheit zu machen. Spätestens mit dem Ruf nach “anything goes” verabschiedete sich auch der Wissenschaftsbetrieb von einem “übermenschlichen” Wahrheitsanspruch und reihte sich ein in das Heer der – wenn auch privilegierten, weil herrschaftsaffinen – Interessensträger, um die Welt im Sinn ihrer Vertreterinnen zu interpretieren.
Vielleicht haben wir alle unterschätzt, dass es garnicht so leicht ist, ein Leben ohne überindividuelle Wahrheitsansprüche zu führen. Kirche, Politik, Wissenschaft oder gar Kunst stehen allesamt im Verdacht, nichts mehr zu vertreten als sich selbst, freilich ohne sich nochmals um Kompromisse zu bemühen, die in der Lage wären, hinlänglich Verbindlichkeit jenseits überkommener Wahrheitsansprüche her zu stellen.
Und so kann es sein, dass mehr und mehr Menschen einfach überfordert sind, ohne vorgegebene Wahrheiten zu leben, dass sie es einfach nicht schaffen, ihrem fehlerhaften Leben hinlänglich Sinn zu verleihen und das im Zusammenwirken mit anderen auch von ihrer Umgebung nocht mehr erwarten.
Und so tauchen sie auf, die neuen/alten Wahrheitsversprecher. Diejenigen, die immer schon gewusst haben, dass es nur eine, nämlich ihre Wahrheit gibt und alle anderen gut beraten sind, sich ihnen anzuschließen. Um Menschen einzuladen, erst gar nicht mehr die allzuleeren Inhalte dieser Wahrheiten zu hinterfragen, um sich statt dessen einzureihen in den Kampf gegen diejenigen, die sich überkommenen Wahrheitsansprüchen verweigern, um weiterin den Kompromiss als einzig menschengerecht mögliche Herstellung von immer wieder neu auszuverhandelnder Verbindlichkeit hochhalten.
Immerhin: Wir verfügen heute über das kollektive Wissen, dass die Wahrheitsversprecher früher oder später immer gescheitert sind. Das Wissen um die Begrenztheit/Fehlerhaftigkeit/Endlichkeit des Menschen als der eigentlichen Ressource des Zusammenlebens lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.
Der Rest ist das Wachsen entlang der Unverfügbarkeit von Wahrheit- Und der Widerstand gegen die, die sie versprechen.
