Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Es gibt keinen gesellschaftlichen Grund für Kunst (mehr) – Als Anspruch ist sie nur um gemeinsamen Wollen von Produzentinnen u n d Rezipientinnen zu retten
Wenn die Rolle der Kunst in der Moderne darin bestand, als kritisches Medium zur Vermittlung von Geschichtphilosophie an der Spitze des Fortschritts zu stehen (und damit in äußerster Spannung zur Kultur), so ist diese heute weitgehend obsolet geworden. Nach dem “Ende der Geschichte” in Gestalt der liberalen Demokratie hat sich diese Aufgabe erledigt. Und so erscheinen heute Kunst und Kultur im Begriff von “KunstundKultur” aufs engste liiert, wie Rudolf Burger schreibt: ökonomisch, politisch und auch ästhetisch, als wären die Begriffe weitgehend synonym geworden.
In Konsequenz der Beobachtung einer Gesellschaft, die sich im Kampf um den Erhalt der besten aller möglichen Gegenwärtigkeiten erschöpft (und dabei ihre Zukunft verloren hat), kommt Burger zum Schluss, dass die, die heute Kunst sagen, notwendig Tradition sagten, ob sie wollten oder nicht (“Von der Lehre der Kunst, in Ptolemäische Vermutungen).
Bei der Lektüre dieses kurzen Beitrags ist mir der Gedanke gekommen, dass sich mit der Erkenntnis, Kunst habe in dieser historischen Phase gesellschaftlich nichts mehr zu sagen, notwendig die Infragestellung von Kunstlehranstaltungen, die sich ausschließlich an angehende Künstlerinnen wenden, ergibt. Umso mehr, wenn alles, was die ausschließlich die Seite Kunstproduktion betrifft, sein Selbstverständnis verloren hat, jedenfalls institutionell begründete und damit objektivierbare Qualitätskriterien nicht mehr glaubwürdig formulierbar erscheinen.
Wenn aber Kunst – will sie denn noch einmal mehr sein als die Affirmation dessen, was gesellschaftlich der Fall ist – noch einmal versucht, sich ihrer Generalinstrumentalisierung als Teil von Kultur zu entziehen, dann ist sie auf individuelle Erfahrung angewiesen. Und zwar nicht nur seitens der Produzentinnen. Sondern zumindest ebenso der Rezipientinnen. Nur in einer gemeinsamen Anstrengung sind alle Beteiligten in der Lage, Kunst als das zu erkennen, was ihre Radikalität ausmacht und über die Trögheit kultureller Selbstgerwissheit hinausweist.
Das aber hätte zur Konsequenz, Kunstlehranstalten nicht mehr auf die Ausbildung angehender Künstlerinnen zu beschränken. Sondern sie in gleicher Weise für Rezipientinnen zu öffnen, die in diesem hochspezialisierten Gebiet einer vergleichbaren
Ausbildung bedürfen, um Kunst als Co-Schaffende im Zusammenwirken mit den Künstlerinnen in ihrer vollen Tragweite erfahren zu können. Um ihr die Position zu geben, die sie in Anerkennung ihres ästhetischen Eigenwerts zum Stachel im Körper der grassierenden Alternativlosigkeit macht.
Ob sich im Zusammenwirken aller Akteursgruppen geschichtsphilosophisch noch einmal eine Mission der Kunst zur Rettung des Fortschrittsgedankens ergibt, das mögen spätere Generationen beurteilen.
