Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Florentina Holzinger: Wenn ein verlegenes Lachen über die Beweggründe von Kunst erzählt
Florentina Holzinger: Wenn ein verlegenes Lachen über die Beweggründe von Kunst erzählen
Besser kann es für Österreich auf der Biennale in Venedig nicht laufen, Florentina Holzingers Performance Act ist in aller Munde, der Kunstbetrieb hat einen neuen Aufreger, die “Kunstfreundinnen” können ihre Soldarität ausdrücken, die kritischen “Steuerzahlerinnen” ihr Geld zurückfordern. Und wir alle können für einen kurzen Moment vergessen, was sonst noch alles auf dem Spiel steht.
Als Teil der Kunstblase tue ich mir schwer, in diesem Hype ein adäquates Verhältnis zu den bisherigen Berichten des Dargebotenen im und rund um den Österreich-Pavillon zu finden. Verstörung fällt mir wohl zuerst als unmittelbare Reaktion ein. Da setzt sich eine Person zusammen mit ihrer Truppe dem Äussersten aus und schafft die Illusion schierer Körperlichkeit jenseits jeglichen Anspruchs des sorgsamen Umgangs mit sich (und den anderen).
Matthias Dusini hat sich in einem Kommentar getraut, den künstlerischen Wert dieser Form des Umgangs mit sich in Frage zu stellen ( https://newsletter.falter.at/nq0Y8wjImyDuB ), ohne sich gleich den Kunstbanausen im Kicklschen Gewande anzudienen.
Was er dabei nicht thematisiert, das ist das Verhalten des Publikums. Immerhin wird diesem ein Verhältnis zum eigenen Körper vorgeführt, das sich geschmäcklerischer Distanzierung verweigert. Sie erleben mit, was Menschen mit sich machen und dabei angeschaut werden wollen. Also ist die Frage unabweisbar: Was macht das mit mir? Was bedeutet es für mich, meinen Umgang mit mir? Was für meine Beziehungen zu anderen Menschen, die ich nolens volens in Holzinger und Co wieder erkenne?
Ich muss mich also mit der Provokation auseinandersetzen, wenn das allgemeinerbare Kunst ist, dann bin das auch ich , der als nackter Klöppel die Glocke schlägt, in Urin schwimmt und masturbiert. Mit den offiziell verlautbarten Themen wie Ökologie und Tourismus hat das alles wohl nur sehr am Rand zu tun,
Ich hab mit großem Interesse die gut recherchierte Diagonal-Sendung Zur Person: Florentina Holzinger gehört ( https://oe1.orf.at/programm/20260502/831462/Zur-Person-Florentina-Holzinger ). Sie vermittelt viel von den sagbaren Intentionen der Künstlerin, die sich mit ihren Arbeiten derartig “radikal” zur Disposition stellt.
Und dann ist mir etwas aufgefallen, das jedenfalls mir erzählt, um was es eigentlich geht: Immer wenn Holzinger im Interview zu einer Erklärung ansetzt, folgt darauf ein verlegenenes Lachen, das das zuvor Gesagte in Zweifel zieht. Als würde sich da ein unüberwindliches Widerspruchsverhältnis auftun zwischen dem, was Holzinger mit ihren Performances zeigt. Und welche Reaktion sie damit hervorzurufen versucht, um sie sich zugleich mit aller Kraft zu versagen. Und mir war, als käme hier ein unendliches Liebesbedürfnis zum Ausdruck, das doch alles daran setzt, nicht erfüllt zu werden. Da fleht eine Künstlerin darum, geliebt zu werden. Und errichtet doch nur jede mögliche Barriere (und sei es selbstbeschädigend an sich selbst), auf dass der Wunsch nur ja nicht in Erfüllung geht.
Für ein Leben als radikale Künstlerien ein mächtiges Movens; als Anleitung für ein gelingendes Leben freilich denkbar ungeeignet. Die Verstörung bleibt.
