Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Jetzt kriegen Künstlerinnen auch noch Geld nachgeworfen
Vor ein paar Tagen ist im Standard ein Bericht von Viktoria Kirner erschienen, in dem sie über ein Pilotprojekt in Irland berichtet, bei dem 2000 Musikerinnen per Losentscheid mit einem voraussetzungslosen Grundeinkommen ausgestattet werden.
Ich lese diesen Beitrag vor dem Hintergrund Michael Sandels Kritik der Verdienstgesellschaft (Meritokratie), wonach seine in Geldwert ausdrückbare Leistung darüber entscheidet, wo der/die Leistende sich in der sozialen Hierachie einer Gesellschaft wiederfindet.
Sandels Analyse läuft darauf hinaus, die Leistungsgesellschaft als eine der großen Lügen zu decourvrieren. Nicht individuelle Leistung sondern Herkunft, Familie, Verortung, Anpassung und Glück sind nach ihm die entscheidenden Faktoren, die trotz aller Bemühungen des indivuellen Aufstiegs über die Positionierung entscheiden. Im Grunde erzählt er über eine große Lotterie der Chancenzuweisung, die die begünstigen, deren Umfeld schon hat. Während es diejenigen benachteiligt, die ins Nichts hineingeboren werden.
Nun gibt es bereits jetzt eine Reihe sozialer Gruppen, die nicht nacht entgeltbarer Leistung werden: Kinder, Kranke, Pflegende, Rentner, während Jugendliche per Nachweis von Schulleistungen zumindest immateriell bereits auf den Weg gebracht werden.
Und jetzt die Künstlerinnen. Wir könnten es uns in neoliberaler Manier leicht machen: In einer durch und durch kommerzialisierten Gesellschaft zählt nur, wer sich am Markt verkauft. So auch die Kunst.
Und doch wabert in den meisten von uns die Vorstellung einer Kunst, die sich nicht am Markt erschöpft. Die als Ausdruck eines tätigen Lebens einfach gemacht werden will, ohne sich darauf reduzieren zu lassen, eine geldwerte Leistung erbringen zu müssen.
Wenn nun die irländische Kulturpolitik diesem Umstand Rechnung getragen hat, so muss sie damit notwendig auf beträchtlichen Sozialneid stoßen: Wir müssen hart arbeiten und die Künstlerinnen bekommen die Marie nachgeworfen. Die Schadenfreude der Rechten über eine weitere Beschädigung des Leistungsgedankens durch eine weltfremde Elite, die es sich qua Herkunft richten kann, ist vorhersehbar.
Das muss eine wohlhabende Gesellschaft aushalten, könnte man einwenden. Und vermiede damit doch – im Sinne Sandels – das Argument, dass alle Menschen in gleicher Bewertung dessen, was sie mit ihrer unterschiedlichen individuellen Ausstattung ausmacht, ein Recht auf ein aktives Tätigkeit jenseits der Erfordernisse der Leistungsgesellschaft haben. Und grundgesicherte Künstlerinnen nur ein Role Model dafür darstellen, was der Menschenwürde aller Menschen entspricht.
Pragmatisch: Wenn einer wie Elon Musk soviel leisten kann, dass er widerspruchslos soviel Geldwert auf sich vereint wie ein Gutteil der Weltgesellschaft, dann braucht es zumindest ein paar Musikerinnen in Irland, die zeigen, dass ein tätiges Leben jenseits der Leistungsgesellschaft für uns alle möglich, ja überfällig ist. Weil Geld im Grund keinen Wert hat, jedenfalls keinen menschlichen
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P.S.: Traditionelle staatliche Kunstförderung stellt auf den Anspruch künstlerischer Qualität ab. Die Entscheidung, einer Auswahl von Künstlerinnen ein Grundeinkommen zu ermöglichen läuft auf ihre Unterminierung hinaus. Es ist also nicht mehr der Staat oder der Markt, der über Qualität befindet sondern es sind die Produzentinnen und Rezipientinnen selbst, die in tätiger Auseinandersetzung über den Wert ihrer Kunst verfügen, Das ist Teil einer zivilgesellschaftlichen Emanzipationsbewegung. Und eine heillose Überforderung, die nach neuen Organisationsformen der Kulturpolitik schreit.
