Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
25/08/2026
Klassische Musik und Kulturpessimismus – als gehörten sie zusammen
Der Deutschland-Korrespondent des ORF Andreas Pfeiffer hat zuletzt als Nebenprogramm der Salzburger Festspiele eine Reihe von Gesprächen mit herausragenden Musikerinnen über deren Beziehung zu Klassischer Musik geführt, die auf Ö1 ausgestrahlt werden, Unter ihnen Igor Levit, Joana Mallnitz und zuletzt Tabea Zimmermann.
Mit viel Einfühlungsvermögen versucht Pfeiffer aus seinen Gesprächspartnerinnen die Essenz des musikalischen Verständnisses dieser herausragenden Musikerinnen zu vermitteln.
So auch mit der Bratscherin Tabea Zimmermann, die unmittelbar erfahrbar macht, welche Bedeutung Klassische Musik nicht nur als Berufsfeld sondern darüber hinaus für ihr Menschsein hat.
Um irgendwann abzubiegen und in einen, offenbar allen Vertreterinnen der Klassischen Musik eigenen Kulturpessimismus abzubiegen, wonach immer weniger junge Menschen ein Musikinstrument erlernen würden, in der Schule Musik immer geringere Bedeutung zugemessen würde und überhaupt, die Menschen von ihrer musikalischen Bestimmung abgekenkt würden.
Und ich frage mich: Warum muss das sein? Warum kann Klassische Musik nicht darauf verzichten, sich als (immer gefährdeter) Maßstab im Umgang mit der ganzen Vielfalt des musikalischen Geschehens verstehen, um gleich noch den Verfall der Gesellschaft draufzusetzen?
Zumal fast alles, was Frau Zimmermann da anführt, schlicht falsch ist: Etwa wenn alle Zahlen darauf hindeuten, dass der Umgang mit einem Musikinstrument noch nie so “demokratisiert” war: Mehr als 20% der Bevölkerung sagen heute von sich, ein Musikinstrument zu spielen bzw. gespielt zu haben. Das ist zumindest eine Verachtfachung des Anteils im Vergleich zu einer kleinen bürgerlichen Schicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Und was die Schule betrifft, so könnte der Klassische Musikbetrieb doch irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass um 1900 nur rund 3% der jungen Menschen ein Gymnasium mit seinem breiten Angebot kultureller Bildung rund um kanonisierte Musik besucht haben, während es heute rund 30% sind, die freilich ncht nur mit Klassischer Musik, sondern mit einer Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen entlang ihren jeweiligen Lebensverhältnissen konfrontiert werden, die freilich weit über Beethoven, Brahms und allenfalls auch Ligeti hinausweisen.
Zum Ausdruck kommt hier ganz offensichtlich das Leiden über das Ende der Dominanz eines bürgerlichen Kultur- und Musikbegriffs, der nicht mehr über die ganze Gesellschaft drübergestülpt werden kann. Das heisst in keiner Weise, dass die ihm zugewiesenen Werke ihre universelle Gültigkeit verlieren. Aber sehr wohl, dass sie ein neues Verhältnis gegenüber all dem, was sonst noch in der Welt musikalisch passiert, finden müssen.
Also Frau Zimmermann: So “musikalisch” war die Welt noch nie. Und Herr Pfeiffer: Ich empfehle, das Genre auch mit Vertreterinnen anderer musikalischer Genres zu suchen – eine Möglichkeit, etwas optimisistischer zumindest in die musikalische Zukunft zu schauen.
