Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Krieg zerstört Leben – auf allen Seiten
Der ORF-Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary hat in einem seiner letzten Posts darüber berichtet, welche Verbrechen auch (israelische) Soldatinnen begehen, wenn sie ihrem Zerstörungswerk nachgehen ( https://www.facebook.com/Karims.Arabesken ).
Und in der Tat beschränken wir uns gern auf die Erfahrung der Opfer kriegerischer Auseinandersetzung: Sie werden getötet und verletzt, sie verlieren ihre Lebensgrundlagen und erleiden dauerhafte Traumatisierungen. Und nehmen unreflektiert an, die Verursacherinnen gingen nach vollbrachter Tat einfach wieder nach Hause und führten ihr bisheriges Leben ungebrochen weiter. Und berücksichtigen nicht, dass möglicherweise auch sie dauerhaft geschädigt wurden, jedenfalls dauerhaften Schaden nehmen, bei dem, was sie getan haben, was sie tun mussten, was sie ihrer Menschlichkeit beraubt hat.
Mir fällt dazu immer wieder Szczepan Twardochs “Nullinie” ein, ein nahe an der Realität angesiedelter Roman, in dem der Autor die Entmenschlichung auf beiden Seiten durch den Krieg entlang der ukrainisch-russischen Grenze beschreibt. Seine zentrale Botschaft: Irgendwann ist es völlig egal, wer da siegt und wer da verliert, die Zerstörung dessen, was Menschen ausmacht, trifft beide Seiten gleichermaßen.
Vielleicht sollten diejenigen, die sich jetzt so vehement für Aufrüstung als Voraussetzung für die Bereitschaft zu kriegerischem Handeln aussprechen, noch einmal darüber nachdenken, wofür sie sich da entscheiden: Für Soldatinnen, die im Ernstfall unbeteiligten alten Menschen einfach in den Kopf schiessen, weil sie das Elend sonst nicht ertragen, die auf Kindern herumtrampeln, weil ihr destruktiver Instinkt grad überhand nimmt. Oder die wahllos mit einem Maschinengewehr herumballern, weil sie von grenzenloser Angst ergriffen sind. Um danach nach Hause zurückzukehren, in der Erwartung, sich wieder ganz normal in die Gesellschaft einzugliedern.
Krieg zerstört Leben. Ungeachtet der Seite, auf der wir gerade stehen. Das sollte immerhin dazu gesagt werden, wenn Politikerinnen gegenwärtig stolz verkünden, die militärischen Ausgaben nachhaltig zu erhöhen (und damit die Ausgaben zum Erhalt des Lebens im gleichen Ausmass zu kürzen).
