Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Mozart und das Fremde
Vieles spricht dafür, dass die Mozart-Forschung seit 1990 im Detail noch einmal große Erkenntnisfortschritte gemacht hat. Und doch bleibt der Versuch des deutschen Schriftstellers und Malers Wolfgang Hildesheimer, mit der Rekonstruktion des Lebens dem Werk Mozarts noch einmal näher zu kommen ein bis heute gültiges besonderes Leseerlebnis. Immerhin versucht der Autor, sich mit seinen Äußerungen von einer Unzahl anderer Biographien abzuheben, die allesamt darauf hinauslaufen, das Leben Mozarts in eine affirmative Mainstream-Erzählung hineinzuzwingen, um so die optimale Verwertung seines Werkes zun gewährleisten.
Im Gegensatz dazu läuft die Grundaussage Hildesheimers darauf hinaus, dass mit den verfügbaren Daten dem Phänomen Mozart nicht beizukommen ist. Und zwar nicht, weil er “zu groß” für unser Verständnis gewesen wäre. Sondern weil das, was und wie er sich musikalisch geäußert hat, in dem, wie er (in seiner Zeit) gelebt hat, nicht aufzugehen vermag. Oder anders gesagt, dass die Umstände, in denen er gelebt hat, nur sehr bedingt erklären, was und wie Mozart Musik verhandelt hat.
Im Grunde läuft diese Geschichte auf das Anerkenntnis hinaus, dass der Mensch nicht in seiner Beschreibung aufgeht. Und es vielleicht gerade das Fremdbleibende ist, das ihn überhaupt zum Menschen macht.
Hildesheimer sah sich mit der Veröffentlichung knapp vor seinem Tod heftiger Kritik ausgesetzt. Immerhin findet er in Mozart nichts Heroisches, statt dessen eher einen Exponenten eines patscherten Lebens, an dem er schon in seinen 30er Jahren nicht zuletzt auf Grund allzuvieler Zurückweisungen gescheitert ist.
Hildesheimer versteht es einleuchtend darzustellen, dass Mozarts Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu seiner Zeit schlicht überfordernd gewesen ist, zumal in Realisierung einer Spezialbegabung, die ihm eine ihm eigene Welt, die er von seinem übrigen, weitgehend banalen Leben weitgehend getrennt hat, hat zusätzlich erschwert hat.
Und – jedenfalls ich – erfahre, wie viele seiner Werke ausschließlich anlassbezogen zu verstehen sind, zugerichtet auf Auftraggeber-, Impressarien-, Musiker- oder Sängerinnen-Bedürfnisse und mit keinerlei Erwartungen verbunden, angesichts eine vielfältigen Konkurrenz in die Musikgeschichte einzugehen. Oder dass Mozart – zumindest in Wien – in seinen letzten Jahren als ein weitgehendes Auslaufmodell angesehen wurde. Nicht zu reden von einem hahnebüchenen Librettto der Zauberflöte, das im letzten Moment aus mehreren Quellen zusammengestoppelt wurde, im Versuch, doch noch einen erhofften finanziellen Erfolg wenn schon nicht bei der sich abwendenden Aristokratie dafür beim weniger begüterten Vorstadtpublikum zu landen.
Mit Hildesheimer erfahren wird, dass Mozarts Ehefrau zusammen mit ihrem zweiten Ehemann die Grundlagen für ein durch und durch verfälschtes Mozart-Bild geschaffen hat, das bis heute das Kulturmarketing bestimmt.
Ich weiss nicht, ob eine solche Anti-Biographie heute noch möglich wäre bzw. wie darauf reagiert würde. Immerhin gibt Hildesheimer eine Ahnung davon, welche Kraft darin liegt, ein Künstlerleben gegen den Strich zu lesen. Und damit durchaus aktuelle Fragen offenzuhalten, inwieweit Künstlerinnen notwendig Repräsentationen ihrer Umstände sind bzw. inwieweit wir in ihren Hervorbringungen ihre Zeit besser verstehen können.
Hildesheimers Antwort wäre wohl: Es stimmt beides. Entscheidend aber ist, was wir nicht erklären können, was uns im tiefsten fremd bleibt. Und sei es, um uns zu verdeutlichen, wie nahe einander Leben und Fremdsein sein müssen, sofern wir es ernst nehmen.
