Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Muttertag – Eine Möglichkeit, über uns nachzudenken
Ich gebe zu, dass mich der Muttertag als eine Form der gesellschaftlichen Zelebration eines einseitigen Schuldverhältnisses gegenüber unseren Hervorbringerinnen immer zurückgestoßen hat.
Nichts gegen den Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die wesentlich dazu beigetragen haben, uns ins Leben zu bringen und die ersten Jahre zu begleiten, sofern sie diese Leistung erbracht haben. In vielen Fällen aber haben sich die Umstände als alles andere als einfach erwiesen, nur zu oft verweisen sie auf widrige Umstände, Einschränkungen, Zwänge, ja auf ein umfassendes Scheitern dessen, was die Gesellschaft als Norm der Mutterschaft bzw. Kindschaft vorgibt.
Über all das wird am heutigen Muttertag in der Regel nicht geprochen. Statt dessen wird selbst in kritischen Medien entlang einiger haltloser Celebrities eine blumenbekränzte Affirmation betrieben, wohl in erster Linie, um die Reste einer überkommenen Familienideologie azfgewärmt zu halten.
Alles zusammen nicht unbedingt ein Tag der kritischen Distanz zu den eigenen Lebensverhältnissen, um noch einmal drüber nachzudenken, was Mütter (und Väter) ihren Kindern an begünstigenden aber auch widrigen Versatzstücken mitgegeben haben, um dem Anspruch eines selbstbestimmten Lebens nachkommen zu können.
Das Mutter-Kind-Verhältnis ist eine lebensentscheidende Zwangsveranstaltung. Sich aus ihr zu befreien, gehört zu den Voraussetzungen des Erwachsenwerdens. Mit dem Wort “Dank” ist nichts darüber ausgesagt, was Mütter in ihren Kindern bewirken, im Guten wie im Schlechten. Danken können wir uns nur selber, wenn es uns gelungen ist, vollbepackt mit ihrem Erbe des Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Ja, ich gebe zu, diese Gedanken beruhen auf höchst persönlichen Erfahrungen mit meiner Mutter.
Ihr entscheidender Beitrag zu meinem Leben bestand wohl darin, dass sie sich von ihrer Mutterschaft emanzipiert hat, um ohne ihr Kind ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Eine entscheidende Leistung in einer Zeit, in der Frauen, insbesondere Mütter in besonderer Weise dikriminiert wurden.
Und nach all den Jahren des anklagenden Kindseins bleibt die eigentliche Botschaft, dass die einzige Überlebenschance darin besteht, mich meinerseits von ihr zu emanzipieren und mich meiner Verantwortung mir und nur mir gegenüber zu stellen.
Ja, für diese Einsicht danke ich meiner Mutter, wenn es sein muss, auch am Muttertag.
