Michael Wimmer
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Wimmer’s Kommentar

Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.

09/09/2026

Otto Mühl im WAM – Wenn der Markt sagt: Du entgehst mir nicht

 
In Beat Wyss’ monumentaler Kulturgeschichte “Das Genie des Abendlandes – Zur Weltgeschichte der Bürgerlichkeit” habe ich den Satz gefunden: Die Komplizenschaft zwischen Kunst und Herrschaft kennzeichnet das Genie des Abendlandes”. Es ist dies die Quintessenz seiner Analyse der Verortung von Kunst speziell in den europäischen Herrschaftssytemen, deren Schöpferinnen der Instrumentalisierung ihres Werks – im Poitiven ebenso wie im Negativen – nicht entgehen.
 
Der Satz fällt mir zur Präsentation der Ausstellung “Kunst am Abgrund” mit Arbeiten von Otto Mühl im Wiener Aktionsmus-Museum (WAM) durch Klaus Albrecht Schröder ein. Gegen diese gibt es beträchtlichen Widerstand, zumal von Menschen, die dem unkontrollierten Machtanspruch des selbsternannten Genies persönlich ausgeliefert waren.
 
In seiner Verteidigungsrede meinte der Museums-Direktor Schröder, Kunst würde hier nicht als “Illustration” der Mühl-Biographie verhandelt. Seine Rechtfertigungsstrategie, Mühle zuzeigen läuft also darauf hinaus, Kunst des Kontexts ihrer Entstehung zu entledigen, um sie als reine Form zu immunisieren (An diese Stelle soll noch einmal auf die Nichtigkeit von Vergleichen hingewiesen werden: Ja, Gesualdo war ein Mörder und hat doch bemerkenswerte Musik gemacht. Und auch viele andere Künstlerinnen sind straffällig geworden. Und doch waren ihre kriminellen Taten nicht das “Material” dafür, um Kunst zu machen.)
 
Nutzniesser des Schröder-Verfahrens sind in erster Linie eine Reihe von wohlhabenden Sammlerinnen, die sich mit dieser ästhetischen Reinwaschung eine materielle Aufwertung ihres Besitzes erwarten können. Und damit den Beweis erbringen, dass Wyss bis in unsere Tage Recht behält: Dass die Mächtigen die Definitionsmacht für sich beanspruchen, Kunst, wo immer sie herkommt und wie immer sie zustande gekommen ist, für sich zu nutzen.
 
Das besonders Groteske dieser Inszenierung liegt darin, dass weite Teile von Mühls Werk unter dem avantgardistischen Anspruch, Kunst und Leben zu versöhnen, zustande gekommen sind. Wenn Schröder jetzt zugunsten einiger weniger Privilegierter (und zugleich von Mühls Menschenbehandlung Unbetroffener) eine Zerreissung des Kontextes vornimmt, dann führt er nicht nur die ursprüngliche programmatische Begründung ab absurdum. Er überführt darüber hinaus eine fehlgeleitete, weil menschenverachtende Richtung der Avantgarde in einen Mainstream, das nur mehr eine Frage kennt: Wieviel kostet es?
 
Und bestätigt zudem, dass noch so pervertierte Versuche, Menschen als Material der Kunstproduktion zu nutzen und mit dem Label Avantgarde zu versehen, dem Zugriff von Kunstpäpsten zwecks Vewertung auf dem Kunstmarkt nicht entgehen, solange die Kassa stimmt.
 
https://www.derstandard.at/story/3000000338981/paedokrimineller-straftaeter-proteste-begleiten-muehl-retrospektive

 

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