Michael Wimmer
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Wimmer’s Kommentar

Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.

02/08/2026

Poesie und Widerstand oder Der alte Mann und das alte Theater

Am Ende der Premiere von “Schnee von Gestern, Schnee von Morgen” betrat Peter Handke an der Hand des Regisseurs Jossi Wieler zögernden Schrittes die Bühne. Mit Stock und Hut bewaffnet nahm er die Ovationen eines Publikums entgegen, das er – in einer grandiosen Leistung von Jens Harzer und Marina Galic – in den Kopf eines alten “Kreuz- und Quergehers” hat schauen lassen.

Und ja, er freute sich. Und doch überwog die Geste der Abwehr, der Verweigerung, des Starrsinns, zumindest nach aussen, wenn der Stock verhindern soll, dass dem Gefeierten jemand zu nahe kommt.

Und so entstand für einen Moment ein Gegensatz, er darin besteht, dass da ein störrischer alter Mann Anerkennung gerade dafür erfährt, zunden Anerkennenden nicht dazugehören zu wollen.

Und für mich wird im Salzburger Landestheater der Anspruch Handkes an Poesie noch einmal greifbar: Als ein Medium, sich zu verweigern, nicht dazu gehören zu wollen, und gerade deshalb bewundert zu werden.

Sein Willle zur Selbstausgrenzung schreckte nicht davor zurück, selbstzerstörerische Haltungen, wie etwa in der Verteidigung des Massenmörders Slobodan Milošević einzunehmen, zu groß die Lust, sich gegen die “Zustimmer” zu stellen. Und sei es aus Justament.

Weil es ihm um Politik im eigentlichen Sinn – so vermute ich – ja garnicht gegangen ist (vielleicht eine späte Rechtfertigung seiner “Publikumsbeschimpfung”). Sondern um eine Rede, die sich der Welt, so wie sie ist, entgegen stellen will. “Ich” in all seinem Assoziationsreichtum gegen das, was mich umgibt.

Ich weiss nicht, was das Publikum da gefeiert hat. Aber im Grunde war es eine eigene Negation. Da hat ihnen ein alter Mann noch einmal den Stock entgegen gehalten, um den ihn Feiernden zu zeigen, dass er sie nicht mag. Dass sie nicht dazugehören zu seinem Kosmos, allenfalls Material liefern für einen, der im Grunde nur sich zu kennen glaubt.

Ja, daraus kann Poesie entstehen. Was aber bleibt an diesem denkwürdigen Abend, das ist die Erinnerung an die Einsamkeit eines alten Mannes, der um den Preis der Literatur “anders” sein will. Und gerade darin einen Kunstbegriff repräsentiert, der von einer Zeit erzählt, die es nicht mehr gibt.

https://www.derstandard.at/story/3000000333157/peter-handke-winkte-bei-schnee-von-gestern-mit-dem-gehstock

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