Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Sprengen und Wieder-Errichten – Weil der politische Kontext über den gesellschaften Nutzen bestimmt.
Ein lieber Freund hat mir gerade davon erzählt, dass es Bestrebungen gibt, die vom Bürgerkrieg beschädigte und seither leer stehende Oper in Damaskus wieder in Betrieb zu nehmen. Zugleich erfahren wir von der feierlichen Wiedereröffnung des Theaters in Mariopol durch die russische Verwaltung, ein Haus, der zuletzt als Schutzraum für die kriegsbedrohte Zivilbevölkerung genutzt wurde und doch mit zahlreichen Toten bombadiert wurde.
Spätestens diese beiden Ereignisse machen wir klar, dass das, was Pierre Boulez 1967 über die überfällige Sprengung von Opernhäusern gesagt hat, nur in seinem jeweils historisch-politischen Kontext zu verstehen ist.
Also gehört zu Boulez’ Äußerung unabdingbar die Kulturkampfatmosphäre der späten 60er Jahre, die damals zu einer jugendbewegten Gegenkultur geführt hat. Diese sah in den bürgerlichen Kulturtempeln einen Hort der Reaktion, deren Teilnehmerinnen für sich beanspruchen würden, die “Kultur” für sich gepachtet zu haben, um nach ihrer Willkür Ein- und Ausschlusskriterien zu dekretieren. Mit diesem weite Teile der Bevölkerung diskriminierenden Suprematieanspruch gälte es Schluss zu machen. Und ihm auch die institutionellen Grundlagen zu entziehen.
Wie wir alle erfahren haben, ist es nicht zur Sprengung gekommen. Sondern zu einem scheinbaren Nebeneinander unterschiedlicher Kulturszenen, deren hierarchische Einordnung kulturpolitisch doch nie ganz überwunden werden konnte.
Passiert aber ist der Aufstieg vieler derer, die sich zum Zeitpunkt, als Boulez’ Ruf erschallte, noch mit Transparenten vor den Toren der rückwärtsgewandten Institutionen wußten, in den folgenden Jahren Eingang in den offiziellen Kulturbetrieb gefunden haben. Als “Omnivores” treten sie heute auf als Verteidiger eines Vielfaltsanspruches auf, der sie in ihrem kulturellen Verhalten selbst begünstigt. Dass die “vielen anderen”, die nicht zu ihrer privilegierten sozialen Gruppe gehören noch immer ausgeschlossen bleiben, nehmen sie allenfalls als Ausdruck von “selber schuld” wahr.
Und verkennen dabei, dass sich Grundsätzliches verändert hat: Dass ihr Ruf, die “Kultur” zu repräsentieren, zunehmend ins Leere läuft. Die strukturell Ausgeschlossenen haben sich längst verabschiedet, sie hegen auch keine Hoffnung mehr in eine Kulturpolitik, die ja doch nur vorgibt, ihnen den Zugang zu erleichtern. Statt dessen sind es die US-amerikanischen Tech-Giganten, die ihnen die neuen Kulturräume eröffnen.
Wenn in Mariopol das Theater von den russichen Machthabern wieder eröffnet wird, dann assoziieren wir das allenfalls mit den 50er und 60er Jahren, in denen der Staat den Menschen institutionell zu oktroyieren trachtete, was Kultur ist. Und was nicht.
In Damaskus hingegen könnte sich das 2004 vom gestürzten Machthaber Assad initiierte Opernhaus als ein Ort der Begegnung erweisen, als Ausdruck des Versuchs der Überlebenden, nach all den Jahren einer gewalttätigen Diktatur, sich als Zivilgesellschaft wieder zu finden. Und Modi des gewaltfreien Zusammenlebens zu erproben. Das wäre die Voraussetzung für eine nächste syrische Jugendbewegung, die die Oper als Bollwerk längst vergangener Zeiten begreift. Sie kommt dann bestimmt.
