Michael Wimmer
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Wimmer’s Kommentar

Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.

20/05/2026

Ukraine: Über Chancen und Gefahren kulturellen Selbstbewußtseins als Antwort auf den Feind

Ein Gespräch mit einer mir lieben Ukrainerin, die zwischen Österreich und ihrem Heimatland regelmäßig hin und her pendelt, hat mich nachdenklich gemacht.

Ja, da wurde ein souveräner Staat in Europas Osten von einem russischen aggressiven Militärregime überfallen. Um massenhaftes Leid über alle Beteiligten zu bringen. Darunter liegen ein paar grundsätzliche Fragen aufgeworfen, für die noch keine hinreichenden Antworten gefunden worden sind.

Da ist etwa die eklatante Ignoranz, die Europa über viele Jahre der Ukraine entgegen gebracht hat. Und ich gebe zu, auch ich wußte nichts von diesem großen Land am Rand des Kontinents, der heute um seine Stellung in der Welt ringt. Immerhin wird im Gespräch deutlich, dass diese strukturelle Unkenntnis lange Zeit das nationale Selbstwertgefühl negativ beeinträchtigt hat. Um sich ausgerechnet mit der Infragstellung einer Eigenstaatlichkeit der russischen Machthaber unabweisbar aufzudrängen.

Dass die Ukrainer und die Russen seit vielen hundert Jahren eine sehr enge, wenn auch ungleich machtverwoben und umkämpfte Beziehung teilen, ist evident. Es gehört zu den Paradoxien der russischen Invasion, dass erst diese eine intensive Suche nach einer genuien ukrainischen Identität ausgelöst hat, die sich hinlänglich von der russischen unterscheidet. Dass dabei der Sprachaspekt einer entscheidende Rolle spielt liegt auf der Hand.

Dabei macht mir meine Gesprächspartnerin klar, dass die Mehrheit der Ukrainerinnnen kein ethnisch homogenes Konzept ihrer Selbstbestimmung leitet. Statt dessen verweist sie auf die Diversität der nationalen Bevölkerung, gerade in Abgrenzung zum Anspruch einer Russifizierung. Und doch liegt eine Tragik der aktuellen Entwicklung darin, sich in die Falle eines russisch-bestimmten Diskurses zu begeben, wonach historische Markierungen bis zum Kiever Rus das heutige Nationalbewußstsein in Gegensatz zu einer traditionsbestimmten Definition der heutigen Moskauer Machthaber bestimmen würde.

Eine ausschließlich historische Herleitung eines Nationalbewußtseins – und sei es in Reaktion von Vereinnahmungsversuchen durch den Aggressor – erscheint mir zum Scheitern verurteilt, wenn es allenfalls nationalistische Kräfte stärkt und so zur Polarisierung und Autoritarisierung der nationalen Gesellschaften beiträgt. Umso beeindruckter bin ich, dass das aktuelle rechtsradikale Lager in der Ukrainer weit schwächer erscheint als in einer Reihe anderer europäischer Länder, nicht zuletzt in Österreich.

Wesentlich entscheidender scheint mir da schon die selbstreinigende Kraft, die mitten im Krieg der Korruption bis in die Reihen des Präsidenten den Kampf ansagt. Meine Gesprächspartnerin erzählt mir, wie sie in gemischten Teams, wozu auch auzsschließlich russisch sprechende Kolleginnen gehören, versucht, an der Implementierung Europa kompatibler Wirtschafts- und Sozialmodellen zu arbeiten. Als solche repräsentiert sie ein modernes Ukrainertum, dass sich hinlänglich von einer überkommenen Geschichte emanzipiert hat, die ideologisch für die Aufrechterhaltung des Krieges ins Treffen geführt wird. Auch wenn diese im pragmatischen Umgang mit den Widrigkeiten der Kriegsfolgen, dort wo lokale Politik versagt nichts beizutragen vermag.

Ich denke, Europa ist – neben aller militärischen Unterstützung – vor allem gefordert, sich von seiner traditionellen Ignoranz zu verabschieden und die Ukraine als ebenso vielfältigen wie relevanten wirtschaftlichen, technologischen sozialen und wohl auch kulturellen Akteur zur Kenntnis zu nehmen und auf die eigenen Entwicklungen zu beziehen. Dieses Interesse wird über ein gedeihliche Zukunft ukrainischer Staatlichkeit im europäischen Gefüge mehr entscheiden als die Beantwortung der Frage, welche historischen Ereignisse das ungleiche Verhältnis von Ukrainerinnen und Russinnen geprägt hat.

Kulturpolitisch spielt Sprachpolitik nachvollziebar ein große, wenn auch immer wieder kontraproduktive Rolle. Umso wichtiger erscheint es, darfauf hinzuweisen, dass die der ukrainische Staat darin nicht erschöpft.

Ein Blick in das Ukraine-Kapitel der Compendium-Initiative, dessen letzte Ergänzung aus 2024 stammt, kann hilfreich sein: https://www.culturalpolicies.net/2024/02/01/interim-cultural-policy-profile-for-the-ukraine/

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