Michael Wimmer
  • Zur Person
  • Kulturpolitische Praxis
  • Blog
  • Tätigkeiten
  • Publikationen
  • Kontakt
  • EN
  • Suche
  • Menu

Wimmer’s Kommentar

Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.

15/06/2026

Wenn ein Baby im Theaterraum gluckst – Zur aktuellen Veränderung des kulturellen Verhaltens am Ende des bürgerlichen Zeitalters

Vor einigen Tagen echauffierte sich Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung über eine wachsende Ungezogenheit des Theaterpublikums: „Ruhe im Parkett, bitte!“ ( https://www.sueddeutsche.de/kultur/baby-shakespeare-kenneth-branagh-sturm-aerger-royal-shakespeare-company-li.3496745 ). Konkret hätte ein glucksendes Kind eine „Sturm“-Aufführung mit der Legende Kenneth Branagh gestört; darüber hinaus würde es zur neuen Normalität des Publikumsverhaltens, den Kontakt mit der Aussenwelt via elektronische Medien aufrechtzuerhalten, von Husten und Schnupfen einmal abgesehen.

Und vor mir entsteht das Bild in den Anfängen des Globe Theatre, als ein essendes, trinkendes und grölendes Publikum das Publikum umstand und es den Akteuren auf der Bühne sicher nicht leicht machte, gegen die allgegenwärtige Lärmentwicklung „durchzukommen“. Aber auch die Aristokratie des 18. Jahrhunderts nahm es mit der Andacht nicht so genau, wenn ihre erlauchten Mitglieder irgendwann kamen, irgendwann gingen, und sich dazwischen in ihren Logen selbst inszenierten.

Es bedurfte der bürgerlichen Disziplinierung, angefangen in gymnasialen Anstalten, mit der sich ein Kulturbetrieb ein Publikum zurichtete, das bereit war, im dunklen Zuschauerraum ihre Körperlichkeit über Stunden hinter sich zu lassen und sich ganz dem Dargebotenen zu überlassen. Mit ihrem auf Affirmation gerichteten kulturellen Verhalten leistete es damit einen zentralen Beitrag zum Gelingen eines Unterfangens, das von Ausnahmeerscheinungen geprägt wurde, die Raum und Zeit ganz für sich beanspruchten.
Mit der massenhaften Veränderung elektronischer Medien ändert sich das kulturelle Verhalten grundlegend in Richtung vielkanaliger Wahrnehmung in immer kürzerer Aufmerksamkeitsintervallen Und auch die schulische Vorbereitung ist nicht mehr darauf gerichtet, eine umfassende Konzentrationsleistung für die Dauer einer Wagner-Oper einzuüben. Spätestens Corona hat es uns gelehrt, wie es neuerdings geht: Auf der Bank liegend, essend, trinkend, im Gespräch mit Gleichgesinnten, im elektronischen Kontakt mit der Welt und zugleich sich durch die Kulturangebote scrollend.

Um die elekronischen Kommunikationsformen erweitert kehrt das Publikum zurück in Shakespeares Zeiten. Es geht den eigenen Neigungen nach, kümmert sich um sich, sucht den permanenten Reiz und weiß sich im Austausch mit anderen. Wenn dann auf der Bühne auch noch etwas Tolles stattfindet, umso besser….

Ja, Menschen, die wie ich sozialisiert wurde, für die Dauer einer Aufführung körperlich zu verschwinden, werden sich weiter von den Schwätzern unter vorgehaltener Hand drei Reihen vor mir gestört fühlen. Und bei hinlänglicher Beobachtung meiner selbst als einer nur historisch verstehbaren Figur doch anerkennen müssen, wie sehr ich selbst mittlerweile selbst zu einem Museums-Objekt geworden bin.

  • Share on Facebook
  • Share on Twitter
  • Share on Google+
  • Per E-Mail teilen

Archiv

  • 2026
  • 2025
  • 2024
  • 2023
  • 2022
  • 2021
  • 2020
  • 2019
  • 2018
  • 2017
  • 2016
  • 2015
  • 2014
  • 2013
  • 2012
  • 2011
© Michael Wimmer | Impressum, Datenschutz
  • Facebook
  • Twitter
  • Mail
Nach oben scrollen