Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Wenn Indifferenz irgendwie sympathisch macht und das doch nicht ausreicht – Zur Lektüre von Norbert Gstrein “Im ersten Licht”
Im Moment überschlägt sich gerade das Feuilleton in Lobeshymnen über den neuen Roman von Norbert Gstrein. Klaus Kastberger vom Grazer Literaturhaus fordert gleich einen dritten Literaturnobelpreis für den Autor, der angeblicht die Geschichte zu Krieg und Frieden schlechthin geschrieben hat.
Also lese ich aus dem Leben von Adrian Reiter, der irgendwie in der Welt ist ohne recht zu wissen, was das alles soll. 1901 geboren, hängt er Träumen über die große Vergangenheit der k.u.k. Kavallerie nach, macht die Bekanntschaft von mit entstrellten Gesichtern aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrenden Soldaten, erfährt von einem Schüler von den Greuel der deutschen Wehrmacht an der Ostfront und beschäftigt sich mit einer englischen Lady mit dem Schicksal von derem Bruder, der als Soldat als Kriegsverweigerer in Erinnerung gebieben ist.
Ja, Adrian, dem sein Vater en passant sosehr das Bein verletzt, dass er selbst für untauglich erklärt wird, erfährt von schrecklichen Dingen. Und er schwankt immer zwischen Anrühren und Nichtsangehen. Und das ist in der stegigen Wiederholung der immer gleichen Wendungen irgendwann mühsam zu lesen. Der Typ ist irgendwie nett, nein kein reiner Tor, aber nur soweit angekränkelt, als er über weite Teile in seiner eigenen, weitgehend sprachlosen Welt lebt. Im letzten ein uninteressanter Charakter.
Umso mehr, als er zu Ende des Romans zu einer Allegorie des systenatischen Wegschauens all derer, die das 20. Jahrhundert mitgetragen haben, mutiert. Und alles auf den vormaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim zuläuft: Kavallerist, im Zweiten Weltkrieg Beteiligter und doch Nichts-gesehen-Habender. Der Held heisst Reiter, sein Faible für die Kavallerie kennen wir schon, das Wegschauen auch im wirklichen Leben. Auf der letzten Seite hängt der Held das Bild eines Engels mit riesigen Schwingen, das ihn zusammen mit einem Portrait des alternden Kaiser Franz Joseph beschäftigt und über dem Bett im Schlafzimmer ab. Kann man machen, Ob das für eine weltbeste literarische Leistung reicht, darüber können wir streiten.
https://www.perlentaucher.de/buch/norbert-gstrein/im-ersten-licht.html
