Wimmer’s Kommentar
Michael Wimmer bezieht in seinen Kommentaren regelmäßig Stelllung zu den neuesten Entwicklungen in Kultur, Bildung und Politik.
Ergänzt werden diese durch eigene Begegnungen und Erlebnisse im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent, Autor und Berater.
Salzburg einmal mehr als Ort der Gegenaufklärung: Über die gute Kultur und die schlechte Politik
Es gibt in Österreich ein zentrales kulturpolitisches Problem. Dieses besteht – historisch erklärtbar – im Hochmut der Kultur gegenüber der Politik.
Ja, die gescheiterte Bürgerliche Revolution 1848 hat das aufstrebende Bürgertum nachhaltig von den Hebeln der politischen Macht ferngehalten. Das hat in den neuen Kathedralen der Kultur ein Paralleluniversum entstehen lassen, wo die Bourgeoisie den neu entstandenen, vor allem wirtschaftlich bedingten Einfluss samt Reichtum ungeachtet den Vorgaben eines übstandigen aristokratischen Regimes zumindest symbolisch feiern konnten.
Die Folgen hätten nicht verheerender sein können: Sie betreffen ebenso die systematische Abwertung des Politischen inklusive Ausgrenzung der sich neu formierenden politischen Bewegungen rund um das Industrieproletariat.
Man fühlte sich selbst ausgegrenzt. Und wollte also unter sich bleiben. Da konnte Politik nach 1918 noch so sehr die gesellschaftlichen Verhältnisse, sei es in demokratischer, sei es in autoritärer Form bestimmen, als Mitglied der Kulturgemeinde wusste man sich unbeeinflusst, in jedem Fall überlegen (Paula Wessely oder Herbert von Karajan stehen paradigmatisch für diese Position).
Ja, spätestens seit den 1970er Jahre wurden immerhin Versuche unternommen, die “Brandmauer” zwischen Kultur und Politik einzureissen. Da hat sich Kultur schon mal politisch verstanden. Und auch Politik ahnte etwas von ihren kulturellen Bedingungen. Im aktuell immer bedrohlicher werdenden reaktionären Klima wird deutlich, dass die diesbezüglichen Bemühungen nicht weit gekommen sind.
Und so kann Markus Hinterhäuser anlässlich der Verleihung eines Musikpreises mit dem Satz mediale Furore machen: „Die Kunst ist so viel größer als der Kleingeist der Politik“.
Klar, er mag seine persönlichen Gründe haben, sich von einzelnen politischen Entscheidungsträgerinnen schlecht behandelt zu fühlen. Und unterliegt in der Verallgermeinerung der politischen Entscheidung gegen seine Intendanz doch einem bürgerlichen Ressentiment, das nur eine Wirkung kennt: Das demokratische politische Geschehen der Verachtung preis zu geben und damit – einmal mehr – das Geschäft derer zu betreiben, die es in diesen Tagen darauf abstellen, das “herrschende politische System” zu beseitigen.
Ob damit Markus Hinterhäuser damit die Nachfolge von Clemens Krauss anmeldet, die Frage lasse ich offen.
Ja, und herzliche Gratulation zur Preisverleihung!
