Wimmer’s Comment
Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.
Theater am Ende: “Ein deutsches Leben” von Christopher Hampton in der Josefstadt
Vorab muss ich anmerken, dass ich noch immer sehr unter dem Eindruck von Claud Lanzmanns Film “Shoah” stehe, in dem es ihm – jedenfalls für mich – gelingt, das, was am Menschen unmenschlich ist, auf unmittelbar sinnlich-ästhetische Weise erfahrbar zu machen. Das ist unerträglich. Und setzt doch Maßstäbe in der (ästhetisch überhöhten) Darstellbarkeit dessen, was das NS-Regime mit Menschen gemacht hat.
Und jetzt das: Andrea Breth hat sich ein Anti-Theatertext von Christopher Hampton zur Vorlage genommen, um eine Frau auf die Bühne zu bringen, die – zumal als Frau (!) – vorgibt, obwohl im Zetrum der NS-Macht tätig gewesen, von all dem, was terroristische Machtausübung bewirkt hat, nichts mitbekommen zu haben.
Die Vorgeschichte ist etwas kompliziert: Eine Frau Brunhilde Pomsel wird als 103jährige zu einem langen Interview zu ihrem beruflichen Werdegang gefragt. Daraus haben zwei Interviewer einen Dokumentarfilm erstellt, aus dem Hampton wiederum eine Theaterfassung erarbeitet hat, die wiederum die Grundlage des Theaterabends in der Josefstadt bildet.
Breth hat für die Darstellung von Frau Pomsel die 82jährige Lore Stefanek gewonnen, deren Hauptaufgabe darin besteht, in den Worten von Frau Pomsel möglichst unmittelbar deren Geschichte zu erzählen ohne in ihrem Spiel merken zu lassen, dass sie nicht Frau Pomsel ist obwohl sie als Hauptdarstellerin eines Bühnenstücks agiert.
Um sie herum bewegen sich sechs Statisten unmotiviert und singen schon mal eingängige Schlager der damaligen Zeit. Unterstützt werden sie von Andrea Clausen, die manchmal so tut als wäre sie die junge Pomsel, manchmal auch Frau Goebbels mit ihren 6 Kindern.
Ja, das alles läuft auf eine schwache, ekigentlich unmögliche Inszenierung heraus.
Wäre da nicht noch zusätzlich die Frage, wozu das Ganze gut sein soll. Immerhin ist die Quintessenz der Aussagen von Pomsel/Stefanek, dass sie, obwohl bei einem jüdischen Geschäftsmann arbeitend, mit einer Jüdin befreundet, in Goebbels Ministerium als Sekretärin arbeitend, eine intime Innensicht des NS-Betriebs erfahrend, nach 1945 mehrere Jahre in russischen Lagern (Buchenwald, Sachsenhausen,…) gefangen gehalten und schliesslich eine Karriere bei der ARD machen, von all dem, was sie umgeben hat nichts wirklich etwas mitbekommen hat.
Gezeigt wird im Grunde eine völlig uninteressante, weil uninteressierte Mitläuferin, die zwei Stunden lang unhinterfragt das Publikum einladen darf, sich mit ihr zu identifizieren. Ohne dass ihr an irgendeiner Stelle jemand dreinreden oder gar Widerspruch anmelden würde. Katharsis sieht anders aus.
Und so wohnt das Publikum einer Art später Selbstermächtigung einer alten Dame, die sich einspruchslos zum einzigen Mass ihres Lebens als Form des konsequenten Wegsehens macht.
Und bestenfalls Entsetzen bei mir und noch ein paar anderen darüber auszulösen vermag, wie es möglich ist, heute (schon wieder) eine scheinbare Normalität im menschlichen Verhalten zu suggerieren, die sich in Selbstrechtfertigung erschöpft, wenn es darum geht, sich zu bestätigen, ohnehin nichts tun zu können, was darüber hinaus geht, die eigene Haut zu retten.
Bei der Entscheidung, dieses Stück zur Aufführung zu bringen, mag sich irgendwer irgendetwas gedacht haben. Herausgekommen ist jedenfalls die haltlose Vernutzung eines verfehlten Lebens, an dem scheinbar alle historischen Gegebenheiten abprallen (Dass hier sechs Kinder für die Darstellung ihrer Ermordung als Goebbels Nachwuchs intentionslos vernutzt werden, gehört zu den zynischen Höhepunkten dieser Produktion).
Wenn es das ist, was uns Theater in sich verdunkelnden Zeiten mitgeben will, dann sind wir schneller wieder dort, wo Frau Pomsel mittendrin behauptet, nie hingekommen zu sein.
Das Publikum applaudierte artig. Betroffenheit in Bezug auf die Frage: Wie hätte ich mich verhalten? oder “Wie werde ich mich verhalten?” hat Pomseöl/Stefanke bereits sehr eindeutig beantwortet.
Mit blieb der Erfahrung, schon lange nicht mehr eine so unerträgliche Produktion erlebt zu haben, die mir – wohl aus den falschen Gründen – am Ende Tränen in die Augen gezwungen hat.
https://www.josefstadt.org/programm/stuecke/stueck/ein-deutsches-leben.html
