Wimmer’s Comment
Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.
“Die Kommune der Faschisten” von Kersten Knipp oder Warum die Identitäten keine Probleme haben, sich die Ästhetisierung der Lebensverhältnisse der außerparlamentarischen Opposition von 68 anzueignen.
Ich geb zu, mit der Lektüre der “Kommune der Faschisten” hab ich Neuland betreten. Gegenstand der Überlegungen des Romanisten Knipp ist ein immerhin eineinhalb Jahre währendes Sozialexperiment im Fiume unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg.
Während sich die (tief frustrierte) italienische Rechte – entgegen den Verträgen von Saint-Germain – für eine Integration Fiumes und darüber hinaus ganz Dalmatiens in die italienische Monarchie stark machte, setzte sich der Lebenskünstler Gabriele D’Dannunzio an die Spitze einer Stadtherrschaft, in der er sein Ideal der Verbindung von Kunst und Leben verwirklicht sah.
In einer kruden Kombination nationalistischer, futuristischer und prä-faschistischer Ideen machte D’Dannunzio Fiume zu einem Sehnsuchtsort eines ganz anderen Lebens, auch wenn sich dieses totalitärer Willkür verdankte. So wurden die Kommunarden zu den Wegbereitern des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini, der sein Herrschaftssystem freilich wesentlich konsequenter und auch ideologisch begründete.
Auch wenn Knipp nicht explizit darauf verweist, so weckt die Schilderung doch Assoziationen an Mühl als einem Widergänger der italienischen Kunstfigur.
Eigentlich ist dieses Buch eine Irreführung. Und doch eine Denk-Anregung. In nur einem Kapitel werden Details der Kommune verhandelt, wesentlich mehr Platz nimmt die Lebensgeschichte D’Dannunzios ein, der mit seinem exzentrisch subjektiven Kunstwollen zu einer zentralen Ausgangsfigur der künstlerischen und auch (rechten) politischen Avantgarden des 20. und 21. Jahrhunderts präsentiert wird. Kein Wunder also. dass sich die Identitären darauf stürzen.
Im letzten Teil entfernt sich Knipp weitgehend von den Ereignissen in und rund um Fiume. Statt dessen verhandelt er anhand einer Reihe von politischen Figuren der Neuen Rechten wie Johnson, Meloni, Le Pen oder Trump in den Ähnlichkeiten ihrer politischen Herangehensweisen mit ihrem “Vorbild” D’Dannunzio, vor allem wenn es um die Verbindung eines radikalen Subjektivismus mit autoritärem Herrschaftsanspruch in ästhetischem Gewand geht.
Knipp “unterstellt” den den gegenkulturellen Ambitionen der 60er und 70er Jahren, zumindest indirekt Anleihen am Experiment in Fiume genommen zu haben, um mit ästhetisch-unbedingten Mitteln die Mühen demokratischer Aushandlungsprozesse zu unterlaufen. Entsprechend macht die Lektüre sensibel für mögliche totalitäre Wirkungen allfällig eigener Hoffnungen auf eine enge Verbindung von Kunst und Leben. Vorsicht beim Versuch, der Kunst per se einen positiven Beitrag zur Förderung des gleichberechtigten Gemeinwesens zuzusprechen ist nach dieser Lektüre also mehr denn je angebracht.
Knipp hat mir von historischen Geschehen berichtet, von denen ich bislang nichts wusste (und rätsle, warum dieses jedenfalls in der deutschsprachigen historischen Forschung als eines der größtern ästhetisch getriebenen Sozialexperimente bislang so unterbelichtet geblieben ist).
Dass man auf die Idee kommen könnte, er nähme Fiume
vor allem zum Anlass, um das aktuelle Zeitgeschehen für sich besser verstehen zu können, könnte besser ausgeschildert werden.
P.S. Dirk Stermann hat jüngst mit “Die Republik der Irren” seine Geschichte der Kommune veröffentlicht.
