Michael Wimmer
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Wimmer’s Comment

Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.

03/01/2026

Da hab ich etwas falsch gemacht – Und doch….

Ich geb zu, dass mich kaum eine Lektüre zuletzt so erschüttert hat wie Hanno Sauers “Klasse -Die Entstehung von Oben und Unten” ( https://www.perlentaucher.de/buch/hanno-sauer/klasse.html ).

Da ist zum Einen sein Befund, wie schwer, ja unmöglich es ist, zumal im Rahmen demokratischer Verfassungen, dem Trend wachsener sozialer Ungleichheit realpolitischentgegen zu wirken oder gar umzurehen.

Und da ist zum anderen sein Befund, dass materielle Ressourcen wir Besitz und Einkommen zwar wichtig sind für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse. Noch entscheidender aber sei das “kulturelle Kapital” (Bourdieu) und damit die Fähigkeit, sich in einer scheinbar unübersichtlich gewordenen kulturellen Welt mit Hilfe klarer Ein- und Ausschlusskriterien zu verorten.

Geht es nach Sauer, dann kommt dabei dem Kulturbetrieb ungebrochen eine zentrale Funktion bei der Zuweisung des jeweiligen Platzes in der Klassen-Gesellschaft zu. Ihm zufolge würde der Nexus aus Museen, Galerien, Kunsthochschulen, Feuilletonisten, Künstlern, Kuratoren und Kritikern ungebrochen als eine konservative, herrschafts- und ungleichheitsstabilisierende Institution” de facto die zentrale Instanz bei Ein- und Ausschlusaverfahren im klassenbezogenen Zusammen- und Getrenntleben bilden.

Die besondere Infamie aber bestünde darin, dass ausgerechnet die. aufklärerischem Denken besonders verpflichteten Vertreterinnen des Kulturbetriebs mit Hilfe einer egalitär-progressiven Rhetorik permanent darüber hinweg zu täuschen versuchten, dass sie (mit ihrer Klientel) die hegemoniale Grundlage für den Fortbestand und die Vertiefung sozialer Ungleichheit bilden.

Das ist ein vernichtendes Urteil. Zumal für einen für mich, der ein berufliches Leben lang versucht hat, den elitären Status des Kulturbetriebs in Frage zu stellen und seine Angebote für breite Teile der Bevölkerung zu öffnen.

Angesichts der im Grunde immer gleichen Datenlage der letzten Jahrzehnte, wonach der Kern der Nutzerinnen ungebrochen aus einer kleinen privilegierten Klasse von Wohlhabenden und Gebildeten besteht, macht mir Sauer schmerzlich bewußt, dass ich in weiten Teilen einer Lebenslüge aufgesessen bin, ja eine solche möglicher Weise auch bei anderen gefördert habe.

Die Grundlage fand diese einerseits in einem strukturellen Unwillen der kulturellen Bildungs- und Vermittlungsszene, sich überhaupt (gesellschafts-)politisch zu verorten (und daraus auch Konsequenzen zu ziehen). Und andererseits in einer völligen Überschätzung des eigenen Tuns, in der stereotypen Behauptung, damit die Realverfassung der Gesellschaft zu verändern.

Kein Zweifel, dass es immmer wieder erfreuliche Einzelfälle gibt, im Rahmen derer (junge) Menschen mit falscher Klassenzugehörigkeit einen nachhaltigen Zugang zum Kulturbetrieb finden, damit sogar die Grundlage für den eigenen Klassenwechsel legen. Kulturelle Bildung und Vermittlung als strukturelle Maßnahmen, die darüber hinaus weisen, einen retardierenden Betrieb zumindest mittels Nadelstichen zu irritieren, haben sie sich als völlig ungeeignet erwiesen, wenn es darum geht, eine gerechtere und gleichberechtigtere Gesellschaft herbei zu führen.

Daran ändern auch Myriarden an Analysen, Studien, Beiträgen,
Büchern, Konferenzen oder Netzwerken, an denen auch ich mitgearbeitet habe, nichts.

Das ist es, was uns Sauer im Grunde sagt: Die Dynamik der Klassengesellschaft ist stärker als das Wollen der Kulturvermittler.

Nicht als Ausrede. Aber als (späte) Erkenntnis.

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