Michael Wimmer
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Wimmer’s Comment

Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.

08/01/2026

Kunst kann garnichts – und gerade darum ist sie lebensentscheidend.

Es muss wohl einer meiner ersten Besuche als junger Mann in Paris gewesen sein. Im Louvre schlenderte ich die Gemäldegalerien entlang. Und dann traf mich der Blick des Johannes des Täufers von Leonardo da Vinci. Und mir war, als blickte mir diese gemalte Gestalt bis ganz in mein Innerstes, als sähe sie all meine Schwächen, meinen verschmitzt-verlogenen Umgang damit, aber auch all das, was darüber hinausweist und mir Halt gibt.

Immer wieder musste ich zu dem Gemälde zurückkehren, ich konnte mich einfach nicht sattsehen. Da war sie, die diese existentielle Erfahrung, wie es ist, durch alles hindurch mir im Medium der Kunst näher zu kommen.

Viele von uns werden diesen kathartischen Effekt an sich schon erfahren haben, sei es vor einem Bildnis, sei es im Konzert, wenn bei Alban Bergs Violinkonzert plötzlich die Augen nass werden, sei es bei einem aufwühlenden Theater- oder Kinobesuch. Die Erwartung, dass das wieder passiert, ist wohl einer der tieferen Gründe, sich überhaupt mit Kunst zu beschäftigen.

Und jetzt also der Versuch, Kunst per Rezept als Heilmittel anzubieten. Weil Studien belegen würden, dass Bildende Kunst Stress reduzieren, die Stimmung aufhellen, die Neugier steigern und das Selbstwertgefühl erhöht ( https://www.derstandard.at/story/3000000300856/museum-statt-medikamente-kann-uns-die-kunst-heilen ).

Und das stimmt wohl auch. Und bringt mich doch zu zumindest zwei Anmerkungen zu dieser Form der Verzweckung von Kunst. Die erste besteht schlicht darin, dass ein Museumsbesuch auf ein Heraustreten aus dem Alltag verweist, das per se auf einen Stimmungsumschwung verweist. Und ich mich also frage, ob der Spaziergang mit einem Lama, das Mähen einer Almwiese mit der Sense oder das per Hand Ausgraben eines Grabes nicht ganz ähnliche Effekte mit sich bringen würde.

Die zweite – und bin noch immer ganz im Bann der Lektüre von Sauers “Klasse” – verweist auf die soziale Unterschiedlichkeit der “Patientinnen”: Immerhin könnte es sein, dass der Distinktionsgewinn, den ein Museumsbesuch für die einen bringt, den einen Wohlgefühle vermitteln, bei den anderen aber das schiere Gegenteil bewirkt, etwa wenn sie die Umgebung als fremd und verunsichernd befreifen. Immerhin stellt diese neue medizinische Massnahme auf das kulturelle Verhalten einer kleinen stsatusbewußten sozialen Gruppe ab, das von allen anderen nicht eingelernt wurde. Und wieder stehen wir vor dem Problem, dass hier vorschnell zur kulturellen Selbstbestätigung einer kleinen Gruppe etwas verallgemeinert wird, was doch nur zu ihrer Selbsterhöhung ihrer selbst beiträgt. Immerhin, von der Absicht, das Rezept auch für den Besuch einer Rave-Party nutzen zu können, habe ich nichts gelesen.

Es liegt in der Natur einer umfassender Kosten-Nutzen-Gesellschaft, alles zu verzwecken. So auch die Kunst, als eine Wertanlage, als Repräsentation gesellschaftichen
Aufstiegs, als touristisches Asset, als Imagefaktor, als Arbeitdplatzförderung, als Bildungsanreiz, und jetzt eben als Medizin.

Und doch erschöpft sich Kunst nicht darin. Weil sich ihre eigentliche Qualität darin erweist, auf keinerlei Zweck zu verweisen. Weil sie als Pendant zu dem, was gesellschaftlich der Fall ist, zweckfrei ist. Um als solche das zu bewirken, was Johannes der Täufer in mir bewirkt hat: zu erfahren, was mich jenseits jeglicher Zweckhaftigkeit als ganzer Mensch ausmacht.

Ob ich ein Rezept von meinem Arzt annehmen würde, das mir Liebe als Heilung verspricht, das überlege ich mir noch.

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