Wimmer’s Comment
Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.
15/01/2026
Kunst zwischen Einheit und Vielheit – Nachdenken über einen “vernünftigen Pluralismus” entlang von Jürgen Goldstein
Während über die Welt ganz praktisch-politisch gerade von einer Welle der erzwungenen Vereinheitlichung überrollt wird, machen sich Theoretiker daran, noch einmal das Loblied eines “vernünftigen Pluralismus” anzustimmen.
So auch der Koblenzer Philosoph Jürgen Goldstein, der in seinem Essay durch die Geschichte seiner Zunft führt, die er als immer wieder erneuerten Kampf zwischen Einheit und Vielfalt beschreibt. Beginnend mit den unterschiedlichen Weltsichten inm alten Athen und Rom, den Auseinandersetzungen zwischen den krichlichen und den weltlichen Mächten (Investiturstreit), dem Auseinanderbrechen der christlichen Einheit bis zu den Konsequenzen einer aufgeklärten Moderne im Spannungsverhältnis zwischen auf Einheit gerichteten Staat und Vielfat repräsentierenden Markt. Mit all den Konsequenzen in Bezug auf soziale Ungleichheit, Gerechtigkeit, Kommunikations- und auseinander strebenden Wahrheitsansprüchen im Rahmen intersubjektiv geleiteter Wissenschaft.
Besonders angesprochen hat mich Goldmanns Zugang zu Hannah Arendt: Immerhin hat sie ein Konzept des Politischen entwickelt, das sich überhaupt erst aus der Unterschiedlichkeit von Menschen erschließt. Wären diese “gleich” gäbe es ja gar keinen Diskussionsbedarf; erst die Anerkennung unterschiedlicher Interessen und Werthaltungen schafft nach ihr die Voraussetzungen für politisches Handeln im Sinne einer allen unterschiedlichen Positionen Rechnung tragender Konfliktaustragung.
Ahrendts Einsichten in Goldmanns sprachlichem Gewand machen so deutlich, dass die aktuellen autoritären Bewegungen mit ihren rigiden Ein- und Ausschlussstrategien schlicht auf ein Ende des Politischen aus sind: Statt vielstimmiger Konfliktaustragung soll ein starker Führer widerspruchslos für und über alle sprechen und damit eine Einheit verkörpern, die es realiter nicht gibt.
Ahrendts Konzept hat freilich auch eine individuelle Komponente: Es verweist auf die Selbstreflexionsfähigkeit des Menschen, der gelernt hat, sich in seinem kreatürlichen Tun zu beobachten, zu begleiten, zu bewerten und so auch zu beeinflussen. Es ist also der Mensch in seinem Denken über sich, der die Keimzelle des Pluralismus bildet, in dem er sich seiner selbt gegenüberstellt, um mit sich in Dialog zu treten.
Diese Fähigkeit freilich versteht sich nicht von selbst, sie will gelernt werden. Was wohl erklärt, warum es die Autoritären nicht so ernst nehmen mit der Bildung eines kritischen Bewusstseins ihrer Anhängerinnen. Statt dessen gilt es, selbstvergessen einfachen Slogans ohne Rücksicht auf Verluste zu folgen: Der Führer denkt für uns.
Ahrendts Ausführungen haben mich – über einen, sich aus dem Selbstreflexionsvermögenergebenden Pluralitätsanspruch – noch einmal auf das Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft gebracht. Vor ein paar Tagen habe ich hier über Philip Roth Roman “Die Demütigung” nachgedacht. Darin verliert ein alternder Schauspieler sein künstlerisches Vermögen in dem Augenblick, in dem er beginnt, über sich nachzudenken – und sich der Verunsicherung anheim gibt.
Was mich zur Frage bringt, wieviel unbedingtes Bei-sich-Sein künstlerisches Tun verlangt. Und in welchem Verhältnis dazu der Anspruch steht, auch und gerade im Schaffen von Kunst in sich ein kritisches Gegenüber zu etablieren, das das, was der/die Künstlerin tut, selbst befragt.
Vereinfacht könnte man also die Frage stellen, ob Kunst im ungebrochenen Schaffenswillen Tendenzen der Vereinheitlichung zuarbeitet. Oder aber Künstlerinnen im kritischen Umgang mit sich selbst die Vielheit überhaupt erst ermöglichen, die der Anspruch auf individuelle Verwirklichung in sich trägt.
