Michael Wimmer
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Wimmer’s Comment

Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.

22/01/2026

Über Erinnern und der Illusion von Identität – Gedanken zu Abschied(e) von Julian Barnes

In diesen Tagen erscheint – breit beworben – das letzte Buch Julian Barnes “Abschied(e)”. Die zahlreichen Buchbesprechungen berichten allesamt davon, dass beim 80jährigen Barnes eine seltene Form von Rückenmarkskrebs diagnostiziert worden ist. Die Erkrankung sei zwar nicht unmittelbar totbringend, habe den Autor aber dazu bewogen, rund um diesen Befund ein Buch der Abschiede, seinen eigenen eingschlossen, zu schreiben.

Als ich in die Buchhandlung kam, fragte gerade ein etwas grauer älterer Herr (und war doch viel jünger als ich) nach dem Buch. Ich brauchte also nicht mehr in den Stapeln nach meiner nächsten Lektüre nicht mehr suchen. Und hab mich zudem in meinem “Vorgänger” sofort wieder erkannt: Da gibt es wohl eine Zielgruppe, die nicht mehr umhin kann zu erkennen, dasss das Lebensende näherrückt. Und erfahren möchte, wie ein ebenfalls von dieser Tatsache betroffener Autor literarisch damit umgeht. Wohl in der Hoffnung, dass es mit dem Lesen irgendwie leichter wird.

Nun ist Barnes ein Meister des lapidaren englischen Konversationsstils, der ganz unversehens in tiefe Einsichten führt. Und genau in diesem Stil erzählt er auch hier – über sich. Vor allem aber über zwei Menschen, die sich dank ihm zweimal finden und wieder auseinander gehen. Dabei lässt Barnes die Leserin im Umklaren, ob es sich dabei um den Bericht einer konkreten Erfahrung oder aber um Fiktion handelt. Und so drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob es sich auch bei dem, was Barnes über sich selbst erzählt, um die befreiende Literarisierung seines späten Lebens oder aber um autobiographisches Material handelt.

Als besonders anregend sind mir seine Gedanken zum Thema Erinnerung hängen geblieben: Erinnern ist Identität, meint er mehrfach. Um in der Folge deutlich zu machen, dass am Erinnern erst einmal gar nichts sicher ist. Zumal der Körper weitgehend willkürlich (und zudem verfremdet) Erinnerungen in das Bewußtsein entlässt, das so gezwungen ist, entlang dieser irgendwie zufälligen Bruchstücke permanent am Konstrukt seiner Identität herumzubasteln. Und also diese selektiven Erinnerungen, die da hochgespült werden, über gar keinen, über die momentane subjektive Befindlichkeit hinausgehenden Wahrheitsgehalt verfügen. Sondern dazu dienen, sich im unüberschaubaren Hier und Jetzt halbwegs zurecht zu finden.

Und so ist es wohl auch im Angesicht des Todes. Barnes berichtet über Erinnerungen, die ihn überkommen, wenn das Rendevous mit dem Tod näher rückt. Und als erfahrener Schriftsteller versteht er es, diesen eine anregende literarische Form zu geben. Als Ratgeber für den Umgang mit dem je eigenen Ende der Leserin eignet sich der Text wohl nicht.

Außer als ein – nicht ausformulierter – Ratschlag, mit dem erwartbaren Lebensende den eigenen Erinnerungen, die der Körper sendet Raum zu geben. Und ihnen doch nicht zu vertrauen. Der Umgang mit der eigenen Endlichkeit wird dadurch in keiner Weise leichter.

Aber vielleicht das Wissen erträglicher, dass es so etwas wie eine Identität entlang dessen, was mein Ich in seiner körperlichen Ganzheit ein Leben lang erfahren hat, nicht geben kann. Und Erinnerungen allenfalls zur Orientierung für das, was allenfalls noch kommt, taugen.

Anders gesagt: Wer angesichts des nahen Todes nicht gelernt hat, dass diese Welt Identität im Bewußtsein der Endlichkeit des Menschen nicht bereit hält, der hat das Leben versäumt.

https://www.perlentaucher.de/buch/julian-barnes/abschied-e.h

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