Michael Wimmer
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Wimmer’s Comment

Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.

27/12/2025

Erleben wir gerade das Ende der männlichen Ära? – Gedanken zu Lebensproduktion und Erwerbsarbeit

Es war Oscar Hertwig, der 1876 unter dem Mikroskop nachgewiesen hat, dass sich der männliche Samen mit der weiblichen Eizelle verbindet, um neues Leben entstehen zu lassen.

Davor überwog die Ansicht, der männliche Samen allein sei der alleinige Überbringer von Leben, der die Frau auschliesslich dafür nutze, dem Träger in der geschützten Umgebung ihre Körpers über die ersten neun Lebensmonate zu bringen.

War bislang damit die männliche Dominanz als allein lebensspendende Instanz in den Geschlechterverhältnissen weitgehend unwidersprochen, so bedeutete diese Erkenntnis eine tiefe Frustration männlichen Selbstverständnisses. Ab sofort waren beide, Mann und Frau in gleicher Weise Ursache neuen Lebens, der Frau kam überdiese die Aufgabe zu, es auszutragen und es zu gebären.

Es ist wohl kein Zufall, dass gleichzeitig mit dieser Erkenntnis ein umfassender gesellschaftlicher Transformationsprozess in Gang kam, um die bisher ungleichen Geschlechterverhältnisse radikal in Frage zu stellen. Da war zum einen der wachsende weibliche Anspruch, in allen Lebensbereichen als gleichberechtigt anerkannt zu werden, ein mühsames Unterfangen, das bis heute nicht zu einem befriedigenden Ende gefunden hat.

Entscheidender aber ist möglicherweise die umfassende Durchsetzung einer entfremdenden Lohnarbeitsgesellschaft, die in weiten Teilen bis heute männlich dominiert ist. Warum eigentlich?

Eine These dazu könnte lauten, dass sich Männer in Reaktion auf diese Erkenntnis daranmachten, in einer zuvor ungeahnten Weise die Produktion von “Sachen” vorantrieben. Sie versuchten damit den Umstand zu kompensieren, dass ihnen die exklusive Produktion von Leben versagt ist. die neue Losung lautete: Während Frauen für Nachwuchs sorgen, beherrschen Männer die übrige Umgestaltung der Natur.

Nicht unzufällig ging diese Form moderner Arbeitsteilung einher mit einer Abwertung der Lebensproduktion und einer Aufwertung von Sachproduktion. Anders ist die strrukturelle-hartnäckige Schlechterstellung von Frauen in der Gesellschaft, ganz besonders im Erwerbsleben nicht verstehbar, umso mehr, als 150 Jahre Frauenbewegung zwar viele Verbesserungen der Stellung der Frau gebracht haben, die permanente Gefährdung dieser Errungenschaften aber damit nicht aus der Welt geschafft worden ist.

In diesem Sinn hält die aktuelle technologische Revolution eine weitere Frustration des männlichen Geschlechts bereit: Immerhin werden zur Zeit immer weitere Teile der materiellen und immateriellen Naturbearbeitung auf die Maschine übertragen. Der damit identifizierte Mann wird so einer zentralen Dimension seiner Existenzlogik beraubt (der aktuelle Machismus in den populistischen Bewegungen findet so eine mögliche Begründung).

Und wir stehen erstaunt vor der Herausforderung, dass sich in dieser historischen Phase alles um das dreht, was bleibt. Und das ist das Leben, sein Entstehen, sein Schutz, seine Pflege und seine umfassenden Ausgestaltung.

Das weibliche Geschlecht weiss um dessen Bedeutung, dem männlichen kann man nicht nur in den USA oder Russland gerade zuschauen, wie es sich gegen den Zusammenbruch seiner selbstzugeschriebenen Dominanz aufbäumt und bereit ist, wenn es sein muss, auch bedingungslos Leben zu zerstören.

Und doch ist die Erkenntnis, dass Leben nur als gemeinsame Bemühung beider Geschlechter möglich ist, nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

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