Wimmer’s Comment
Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.
Jim Jarmusch “Father Mother Sister Brother” – Wenn ein Film versucht, die Wahrheit über Familie zu sagen
Sie sitzen hilflos da: So sag doch etwas, erzähl etwas. Lass ihn/sie doch das, was unser Miteinander ausmacht, die Liebe, die Freude und das Interesse spüren, das Familienmitglieder empfinden (sollen), wenn sie einander besuchen. Das möchte man den Protagonistinnen zurufen, die wir in Jim Jarmusch’ Film “Father Mother Sister Brother” beobachten.
Nichts von dem passiert, wenn in einer ersten Episode Bruder und Schwester als Erwachsene ihren Vater besuchen und in einer zweiten zwei Schwestern ihre Mutter. Jarmusch setzt uns mitten hinein in die große Sprachlosigkeit von Eltern-Kind-Beziehungen. Und die Zuschauerinnen können sich des quälenden Widerspruchs nicht entziehen, der im Aufeinanderprallen von Erwartung und Vollzug liegt.
Und so erzählt der Film auf Weise von der großen Lebenslüge von Familie, wonach die Distanzlosigkeit frühkindlicher Bindung ein Leben lang weiterwirkt und ganz natürlich immer wieder in späteren Begegnungen Nähe herstellt, um sich in immer neuer Weise aneinander zu erkennen. Kann sein. Muss aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie die Beteiligten entscheiden, als Eigene getrennte Wege zu gehen, sich längst beschlossen haben, sich voneinander abzugrenzen und meinen, doch so “Als-ob” tun zu sollen. Wobei die Pointe des Films u.a. darin liegt, dass der Abgrenzungswunsch nicht nur bei den Kindern liegt. Sondern mindestens so bei den Eltern, wenn sich vor allem der Vater in einer Weise inszeniert, der jeden Versuch von Nähe absichtsvoll scheitern lässt.
In einer dritten Episode erfahren Zwillinge den Unfalltod ihrer Eltern: Eine leere Wohnung, ein kurzer Text, ein paar Tränen, ein Lagerraum mit dem, was die Eltern zurückgelassen haben und ein paar Erinnerungen, das ist alles, was Bruder und Schwester bleibt. Und also der Auftrag, ihren eigenen Weg durchs verbleibende Leben zu finden, ohne Hoffnung, die Eltern wären – als ein irgendwie weiter lebender Teil von ihnen – noch immer irgendwo in der Nähe.
Alle Beteiligten in den beiden Eltern-Kind-Konstellationen haben einander im Grunde nichts zu sagen. Und versuchen diesen Umstand mit allerlei Floskeln zu kaschieren, auf dass der Unwille/das Unvermögen, der oder die zu sein, die die herrschende Familien_Ideologie gebietet, nur um so deutlicher zu Tage tritt. Sie sind einander fremder als fremd, zumal sie spüren, dass es so schon auf Grund der symbiotischen Ursprungserfahrungen nicht sein sollte. Und es doch so ist. Und sie garnicht anders wollen, Und auch garnicht können.
Eine Schauspielerinnen-Truppe rund um Tom Waits, Charlotte Rampling, Adam Driver, Mayim Bialik, Vicky Krieps oder Cate Blanchett macht die Zerstörung dieses Familienmythos sichtlich Spass, die sie ebenso lakonisch wie virtuos zelebrieren. Ihnen zuzusehen lässt über die vielen eigenen schlechten Erfahrungen hinwegsehen. Und es darf der Eindruck wachsen: Bei aller filmischen Übertreibung: Ja so ist es.
Wer schon einmal das eine oder andere frustrierende Eltern-Kind-Begegnung hinter sich gebracht hat und nach den Gründen fragt, der oder die könnte auf durchaus spielerische Weise Antworten in dem Film finden.
