Wimmer’s Comment
Michael Wimmer regularly comments on the latest developments in culture, education and politics in his german commentaries. These are complemented by his own encounters and experiences as a lecturer, author and consultant.
Wo heute die Musik spielt – Einüben in das musikalische Universum von Moor Mother
Selten hat mich ein musikalischer Beitrag so beeindruckt wie die letzte Diagonal-Sendung auf Ö1. Peter Waldenberger und Thomas Mießgang führen darin in die Welt der Moor Mother (Camae Ayewa) ein, einer afroamerikanischen Musikerin/Aktivistin/Poetin aus Philadelphia, die – jedenfalls für mich – die ganze Vielfalt zeitgenössicher Musik revolutioniert. Und ja, ich gebs zu: Ich hab mich einfach dumm und ignorant gefühlt.
An einer Stelle wird Ayewa als “Chronistin des Verdrängten” bezeichnet, der es gelingt, mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen von poetry, Hip-Hop, Noise, Free Jazz, Improvisation, Afro oder Punk, die unbewältigten Themen der Zeit hörbar und damit bearbeitbar zu machen. Ja, es geht um die Folgen des Kolonialismus bis heute, um staatliche Gewalt, um das , Überleben in einer bedrohten Welt. Aber es geht vor allem um “uns”, in die sich all die Widersprüche des aktuellen Zustands der Welt eingegraben haben, um sie entweder zu verdrängen, oder aber ihnen eine ästhetische u n d künstlerische Form zu geben.
A propos Verdrängung: Der klassische Musikbetrieb legitimiert sich gerne mit der Behauptung, in seiner Musik würden für ewig erklärte existentielle Fragen verhandelt. Und doch erscheint mir, Moor Mother im Ohr, alles das schrecklich provinziell, jedenfalls auf den Erhalt dessen gerichtet, was Moor Mother in Frage stellt.
In ihrem Anspruch, ständig auf der Suche nach vielfältigen musikalischen Ausdrucksformen mit historischen Bezügen, wissenschaftlichen ebenso wie mythisch-okkulten Erkenntnissen, menschlichen Erfahrungen und politischem Aktivismus in Beziehung zu bringen, vermittelt sie unmittelbar die Relevanz von Musik.
Als am klassischen Kanon Geschulte sprechen wir gerne von Pluralität, Toleranz oder omnivoren Zugängen. Was Moor Mother mit ihrer Musik fordert, das geht weit darüber hinaus: Sie fordert uns heraus, die Machtstrukturen von Musik zu hören. Und uns zu verändern.
Wenn in der universitären Musikausbildung schon mal gefordert wird, der Klassik verpflichtete Musikerinnen müssten sich nicht nur mit den historischen Gegebenheiten zur Zeit der Entstehung auseinander setzen sondern vor allem mit dem, was heute ist, um “ihre” Musik nocheinmal adäquat begreifen zu können, so gilt das umso mehr für das Universum Moor’scher Musik: Nach dem Eintauchen in dieses Universum kann ich nicht mehr so spielen wie zuvor.
Dass Ayewa bei ihrem Musikzieren auf vielfältige, langgeplante ebenso wie spontane Kooperationen, Kollaborationen über die Gnre-Grenzen hinweg samt funkensprühenden Gegenüberstellungen setzt, versteht sich fast von selbst.
Peter Waldenberger und Thomas Miessgang danke ich für diese Erfahrung,
