“Das Vaterland” – ein Film von Pawel Pawlikowski. Eine Empfehlung

Ui, so hat es also ausgesehen im Deutschland des Jahres 1949, als ich gezeugt wurde. Rundum zerstörte Stadtlandschaften, die Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt, dazwischen Soldaten der Besatzungs- bzw. Befreiungsmächte. Ja, und dann gibt es noch eine Gruppe älterer soignierter Herren, die den deutschen Geist wieder auferstehen lassen möchten. Sie finden ihre Selbstbestätigung in der Wiedererichtung eines kulturellen Gerüsts, das noch einmal ansatzlos über das hinausweisen soll, was zwischen 1933 und 1945 falsch gelaufen ist.

Und dazu scheint niemand so sehr geeignet wie Thomas Mann, der Autor von Weltrang, der 1918 in seinen “Betrachtungen eines Unpolitischen” noch wider die kulturelle Verflachung durch die Massen-Demokratie angeschrieben hat, um sich im US-amerikanischen Exil zu einem Kämpfer gegen das MNazi-Unrechtsregime zu profilieren.

Jetzt hat er sich nach langem Zögern entschieden, mit seiner Frau Katja (im Film mit seiner Tochter Erika) seine Heimat zu besuchen und Ehrungen im Namen Goethes entgegen zu nehmen. Trotz der Stimmen, die ihn als Verräter denunzierten, der sich ein schönes Leben in den USA gemacht hätte, während sie selbst Unrecht, dazu Not und Elend am eigenen Leben erleiden mussten.

Und doch liess sich auch Mann vom Anspruch überzeugen, “dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben” (Alexander Lernet-Holenia), um möglichst ungeschehen zu machen, was doch passiert ist. In der russischen Besatzungszone ist der politische Anspruch noch unverblümter; Mann soll nicht nur in eine Reihe mit Goethe gestellt werden sondern bei der Gelegenheit auch dafür herhalten, das neue politische Regime als führender Kulturfunktionär zu legitimieren.

Mann fühlt sich sichtbar angesprochen, es ist seine Tochter Erika, die ihn darauf hinweist, mit seinen blumigen Äusserungen doch nur als Staffage herzuhalten, dort, wo die politischen Realitäten längst eine andere Sprache sprechen.

Es ist dieser Widerspruch zwischen “Dichtung und Wahrheit”, in diesem Fall Anerkennung eines dichterischen Werks und der Wahrnehmung der restaurativen politischen Realitäten, der den Film “Vaterland” von Pawel Pawlikoswski antreibt. Zwei große Darstellerinnen, Sandra Hüller und Hanns Zischler verdeutlichen diesen Widerspruch exemplarisch, wenn sich ihre Figuren – wissend um die Gefahr – immer tiefer verstricken in ein rein kulturell begründetetes Abhängigkeitsverhältnis, das doch auf politische Instrumentalisierung hinausläuft, im Westen ebenso wie im Osten.

Dazwischen bricht rund um den Selbstmord von Klaus Mann ein ganz persönlicher Konflikt zwischen den beiden auf, der ausgerechnet in der Sprachlosigkeit von Thomans Mann gründet.

Am Ende flüchten die beiden. Auf ihrem Weg zieht ein zerstörtes Herrschaftsgebäude an ihren Fenstern vorbei. Sie halten an und geraten in eine devastierte Kirche. Ein alte, verstimmte Orgel auf der Empore wird gerade repariert. Und dann beginnt der Organist den Choral “Jesus bleibet meine Freude”aus der Bach-Kantate: Choral: “Herz und Mund und Tat und Leben”

Und die beiden sitzen stumm da, ergriffen, weinend.

Und auch der Zuschauer bekommt – zumindest für einen Moment – mit, um was es in der Kultur geht. Und um was nicht.

Pawlikowski hat mit seinem Team einen grandiosen Film geschaffen, der mehr über uns erzählt als uns mit all unseren kulturellen Ambitionen wohl lieb ist. Und gerade deshalb.

https://www.youtube.com/watch?v=92yuVqgKWmk

Über das Ende der Kultur – von den Robber Barons zu den Tech Bros

Es gehörte lange Zeit zur Besonderheit der gesellschaftlichen Verfasstheit der USA, einerseits die Anhäufung großer Reichtümer zu ermöglichen und andererseits die Nutznießer aufzufordern, zumindest einen Teil davon an die Gesellschaft zurückzugeben, als Voraussetzung dafür, als wichtiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Und so sind die Robber Barons Rockefeller, Vanderbilt, Morgan oder Carnegie als brutale Ausbeuter der Arbeiter in die Geschichte eingegangen. Zugleich zeugen Carnegie Hall oder das Rockefeller Center von ihrem philantropischen Engagement, auf dem bis heute weite Teile der sozialen und kulturellen Infrastruktur der Weltmacht USA aufbauen. Entstanden ist so eine ganze Ideologie privater Kunstförderung, die sich in mannifgfachen mäzenatischen Leistungen von staatlichen Eingriffen, wie sie in Europa vorherrschen, abgrenzen wollte.

Die neue Generation der Robber Barons aus dem Silicon Valley hat mittlerweile Reichtümer aufgehäuft, die ihre Vorgänger zu Ende des 19. Jahrhunderts weit in den Schatten stellt. Und doch ist keiner von ihnen bislang als charismatischer Kunstmäzen in Erscheinung getreten, ganz im Gegenteil scheint ihnen die Zerstörung kultureller Öffentlichkeiten ein ganz besonderes Anliegen ihrer selbstgestrickten Ideologie der Selbstverherrlichung zu sein.

Nicht erst die jüngste Aussage von Elon Musk, Empathie wäre eine Schwäche ( https://schmid.welt.de/2025/04/04/struppiges-herrenmenschentum-elon-musk-und-die-empathie/ ) zeigt nicht nur, dass einmal mehr idiotisches Herrenmenschentum, das für diejenigen, die es im Korsett der digitalwirtschaftlichen Vorgaben vordergründig nicht geschafft haben, nur Verachtung kennt, das Kommando übernommen hat.

Es zeigt auch, dass mit der Übernnahme der Hegemonie durch die Tech Bros der Kulturbegriff obsolet wird. Sie stehen für die Annahme, dass in ihren Forschungs- und Entwicklungslabor längst wesentlich avanzierter über die Frage, wie der Mensch lebt und arbeitet (Brecht) entschieden wird als in den zunehmend bedeutungslosen Enklaven des traditionellen Kulturbetriebs.

Noch diskutieren wir darüber, welche Anforderungen sich für den Kulturbetrieb angesichts der fortschreitenden Digitalisierung stellen. Deren Betreiber sind da schon viel weiter: Das machen wir am besten selber. Ganz ohne Empathie.

Salzburg einmal mehr als Ort der Gegenaufklärung: Über die gute Kultur und die schlechte Politik

Es gibt in Österreich ein zentrales kulturpolitisches Problem. Dieses besteht – historisch erklärtbar – im Hochmut der Kultur gegenüber der Politik.

Ja, die gescheiterte Bürgerliche Revolution 1848 hat das aufstrebende Bürgertum nachhaltig von den Hebeln der politischen Macht ferngehalten. Das hat in den neuen Kathedralen der Kultur ein Paralleluniversum entstehen lassen, wo die Bourgeoisie den neu entstandenen, vor allem wirtschaftlich bedingten Einfluss samt Reichtum ungeachtet den Vorgaben eines übstandigen aristokratischen Regimes zumindest symbolisch feiern konnten.

Die Folgen hätten nicht verheerender sein können: Sie betreffen ebenso die systematische Abwertung des Politischen inklusive Ausgrenzung der sich neu formierenden politischen Bewegungen rund um das Industrieproletariat.

Man fühlte sich selbst ausgegrenzt. Und wollte also unter sich bleiben. Da konnte Politik nach 1918 noch so sehr die gesellschaftlichen Verhältnisse, sei es in demokratischer, sei es in autoritärer Form bestimmen, als Mitglied der Kulturgemeinde wusste man sich unbeeinflusst, in jedem Fall überlegen (Paula Wessely oder Herbert von Karajan stehen paradigmatisch für diese Position).

Ja, spätestens seit den 1970er Jahre wurden immerhin Versuche unternommen, die “Brandmauer” zwischen Kultur und Politik einzureissen. Da hat sich Kultur schon mal politisch verstanden. Und auch Politik ahnte etwas von ihren kulturellen Bedingungen. Im aktuell immer bedrohlicher werdenden reaktionären Klima wird deutlich, dass die diesbezüglichen Bemühungen nicht weit gekommen sind.

Und so kann Markus Hinterhäuser anlässlich der Verleihung eines Musikpreises mit dem Satz mediale Furore machen: „Die Kunst ist so viel größer als der Kleingeist der Politik“.

Klar, er mag seine persönlichen Gründe haben, sich von einzelnen politischen Entscheidungsträgerinnen schlecht behandelt zu fühlen. Und unterliegt in der Verallgermeinerung der politischen Entscheidung gegen seine Intendanz doch einem bürgerlichen Ressentiment, das nur eine Wirkung kennt: Das demokratische politische Geschehen der Verachtung preis zu geben und damit – einmal mehr – das Geschäft derer zu betreiben, die es in diesen Tagen darauf abstellen, das “herrschende politische System” zu beseitigen.

Ob damit Markus Hinterhäuser damit die Nachfolge von Clemens Krauss anmeldet, die Frage lasse ich offen.

Ja, und herzliche Gratulation zur Preisverleihung!

https://salzburg.orf.at/stories/3370407/

Otto Mühl im WAM – Wenn der Markt sagt: Du entgehst mir nicht

 
In Beat Wyss’ monumentaler Kulturgeschichte “Das Genie des Abendlandes – Zur Weltgeschichte der Bürgerlichkeit” habe ich den Satz gefunden: Die Komplizenschaft zwischen Kunst und Herrschaft kennzeichnet das Genie des Abendlandes”. Es ist dies die Quintessenz seiner Analyse der Verortung von Kunst speziell in den europäischen Herrschaftssytemen, deren Schöpferinnen der Instrumentalisierung ihres Werks – im Poitiven ebenso wie im Negativen – nicht entgehen.
 
Der Satz fällt mir zur Präsentation der Ausstellung “Kunst am Abgrund” mit Arbeiten von Otto Mühl im Wiener Aktionsmus-Museum (WAM) durch Klaus Albrecht Schröder ein. Gegen diese gibt es beträchtlichen Widerstand, zumal von Menschen, die dem unkontrollierten Machtanspruch des selbsternannten Genies persönlich ausgeliefert waren.
 
In seiner Verteidigungsrede meinte der Museums-Direktor Schröder, Kunst würde hier nicht als “Illustration” der Mühl-Biographie verhandelt. Seine Rechtfertigungsstrategie, Mühle zuzeigen läuft also darauf hinaus, Kunst des Kontexts ihrer Entstehung zu entledigen, um sie als reine Form zu immunisieren (An diese Stelle soll noch einmal auf die Nichtigkeit von Vergleichen hingewiesen werden: Ja, Gesualdo war ein Mörder und hat doch bemerkenswerte Musik gemacht. Und auch viele andere Künstlerinnen sind straffällig geworden. Und doch waren ihre kriminellen Taten nicht das “Material” dafür, um Kunst zu machen.)
 
Nutzniesser des Schröder-Verfahrens sind in erster Linie eine Reihe von wohlhabenden Sammlerinnen, die sich mit dieser ästhetischen Reinwaschung eine materielle Aufwertung ihres Besitzes erwarten können. Und damit den Beweis erbringen, dass Wyss bis in unsere Tage Recht behält: Dass die Mächtigen die Definitionsmacht für sich beanspruchen, Kunst, wo immer sie herkommt und wie immer sie zustande gekommen ist, für sich zu nutzen.
 
Das besonders Groteske dieser Inszenierung liegt darin, dass weite Teile von Mühls Werk unter dem avantgardistischen Anspruch, Kunst und Leben zu versöhnen, zustande gekommen sind. Wenn Schröder jetzt zugunsten einiger weniger Privilegierter (und zugleich von Mühls Menschenbehandlung Unbetroffener) eine Zerreissung des Kontextes vornimmt, dann führt er nicht nur die ursprüngliche programmatische Begründung ab absurdum. Er überführt darüber hinaus eine fehlgeleitete, weil menschenverachtende Richtung der Avantgarde in einen Mainstream, das nur mehr eine Frage kennt: Wieviel kostet es?
 
Und bestätigt zudem, dass noch so pervertierte Versuche, Menschen als Material der Kunstproduktion zu nutzen und mit dem Label Avantgarde zu versehen, dem Zugriff von Kunstpäpsten zwecks Vewertung auf dem Kunstmarkt nicht entgehen, solange die Kassa stimmt.
 
https://www.derstandard.at/story/3000000338981/paedokrimineller-straftaeter-proteste-begleiten-muehl-retrospektive

 

Klassische Musik und Kulturpessimismus – als gehörten sie zusammen

 
Der Deutschland-Korrespondent des ORF Andreas Pfeiffer hat zuletzt als Nebenprogramm der Salzburger Festspiele eine Reihe von Gesprächen mit herausragenden Musikerinnen über deren Beziehung zu Klassischer Musik geführt, die auf Ö1 ausgestrahlt werden, Unter ihnen Igor Levit, Joana Mallnitz und zuletzt Tabea Zimmermann.
 
Mit viel Einfühlungsvermögen versucht Pfeiffer aus seinen Gesprächspartnerinnen die Essenz des musikalischen Verständnisses dieser herausragenden Musikerinnen zu vermitteln.
 
So auch mit der Bratscherin Tabea Zimmermann, die unmittelbar erfahrbar macht, welche Bedeutung Klassische Musik nicht nur als Berufsfeld sondern darüber hinaus für ihr Menschsein hat.
 
Um irgendwann abzubiegen und in einen, offenbar allen Vertreterinnen der Klassischen Musik eigenen Kulturpessimismus abzubiegen, wonach immer weniger junge Menschen ein Musikinstrument erlernen würden, in der Schule Musik immer geringere Bedeutung zugemessen würde und überhaupt, die Menschen von ihrer musikalischen Bestimmung abgekenkt würden.
 
Und ich frage mich: Warum muss das sein? Warum kann Klassische Musik nicht darauf verzichten, sich als (immer gefährdeter) Maßstab im Umgang mit der ganzen Vielfalt des musikalischen Geschehens verstehen, um gleich noch den Verfall der Gesellschaft draufzusetzen?
Zumal fast alles, was Frau Zimmermann da anführt, schlicht falsch ist: Etwa wenn alle Zahlen darauf hindeuten, dass der Umgang mit einem Musikinstrument noch nie so “demokratisiert” war: Mehr als 20% der Bevölkerung sagen heute von sich, ein Musikinstrument zu spielen bzw. gespielt zu haben. Das ist zumindest eine Verachtfachung des Anteils im Vergleich zu einer kleinen bürgerlichen Schicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
 
Und was die Schule betrifft, so könnte der Klassische Musikbetrieb doch irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass um 1900 nur rund 3% der jungen Menschen ein Gymnasium mit seinem breiten Angebot kultureller Bildung rund um kanonisierte Musik besucht haben, während es heute rund 30% sind, die freilich ncht nur mit Klassischer Musik, sondern mit einer Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen entlang ihren jeweiligen Lebensverhältnissen konfrontiert werden, die freilich weit über Beethoven, Brahms und allenfalls auch Ligeti hinausweisen.
Zum Ausdruck kommt hier ganz offensichtlich das Leiden über das Ende der Dominanz eines bürgerlichen Kultur- und Musikbegriffs, der nicht mehr über die ganze Gesellschaft drübergestülpt werden kann. Das heisst in keiner Weise, dass die ihm zugewiesenen Werke ihre universelle Gültigkeit verlieren. Aber sehr wohl, dass sie ein neues Verhältnis gegenüber all dem, was sonst noch in der Welt musikalisch passiert, finden müssen.
 
Also Frau Zimmermann: So “musikalisch” war die Welt noch nie. Und Herr Pfeiffer: Ich empfehle, das Genre auch mit Vertreterinnen anderer musikalischer Genres zu suchen – eine Möglichkeit, etwas optimisistischer zumindest in die musikalische Zukunft zu schauen.

 

Poesie und Widerstand oder Der alte Mann und das alte Theater

Am Ende der Premiere von “Schnee von Gestern, Schnee von Morgen” betrat Peter Handke an der Hand des Regisseurs Jossi Wieler zögernden Schrittes die Bühne. Mit Stock und Hut bewaffnet nahm er die Ovationen eines Publikums entgegen, das er – in einer grandiosen Leistung von Jens Harzer und Marina Galic – in den Kopf eines alten “Kreuz- und Quergehers” hat schauen lassen.

Und ja, er freute sich. Und doch überwog die Geste der Abwehr, der Verweigerung, des Starrsinns, zumindest nach aussen, wenn der Stock verhindern soll, dass dem Gefeierten jemand zu nahe kommt.

Und so entstand für einen Moment ein Gegensatz, er darin besteht, dass da ein störrischer alter Mann Anerkennung gerade dafür erfährt, zunden Anerkennenden nicht dazugehören zu wollen.

Und für mich wird im Salzburger Landestheater der Anspruch Handkes an Poesie noch einmal greifbar: Als ein Medium, sich zu verweigern, nicht dazu gehören zu wollen, und gerade deshalb bewundert zu werden.

Sein Willle zur Selbstausgrenzung schreckte nicht davor zurück, selbstzerstörerische Haltungen, wie etwa in der Verteidigung des Massenmörders Slobodan Milošević einzunehmen, zu groß die Lust, sich gegen die “Zustimmer” zu stellen. Und sei es aus Justament.

Weil es ihm um Politik im eigentlichen Sinn – so vermute ich – ja garnicht gegangen ist (vielleicht eine späte Rechtfertigung seiner “Publikumsbeschimpfung”). Sondern um eine Rede, die sich der Welt, so wie sie ist, entgegen stellen will. “Ich” in all seinem Assoziationsreichtum gegen das, was mich umgibt.

Ich weiss nicht, was das Publikum da gefeiert hat. Aber im Grunde war es eine eigene Negation. Da hat ihnen ein alter Mann noch einmal den Stock entgegen gehalten, um den ihn Feiernden zu zeigen, dass er sie nicht mag. Dass sie nicht dazugehören zu seinem Kosmos, allenfalls Material liefern für einen, der im Grunde nur sich zu kennen glaubt.

Ja, daraus kann Poesie entstehen. Was aber bleibt an diesem denkwürdigen Abend, das ist die Erinnerung an die Einsamkeit eines alten Mannes, der um den Preis der Literatur “anders” sein will. Und gerade darin einen Kunstbegriff repräsentiert, der von einer Zeit erzählt, die es nicht mehr gibt.

https://www.derstandard.at/story/3000000333157/peter-handke-winkte-bei-schnee-von-gestern-mit-dem-gehstock

Der Jedermann in Salzburg: Warum die Kulturpolitik der Rechten so anschlussfähig ist an den Kulturbetrieb

Mit dem üblichen Tam-tam fand gestern die diesjährige Premiere des “Jedermann” statt.

Ich könnte es dabei belassen, dass hier ein grottenschlechtes und antiquiertes Stück entlang des Hypes um ein paar Akteure ungebrochen als Cash-Cow der Salzburger Festspiele herhalten muss.

Hätte ich mich nicht nicht zuletzt in die Lektüre von Kerschbaumer/Müller “Begnadet für das Schöne” vertieft. Die beiden Autoren widmeten sich darin bereits vor 20 Jahren der Kulturpolitik nach 1945 mit besonderem Blick auf Salzburg.

Und decourvrierten noch einmal auf erschreckende Weise die katholisch-konservativ-nazistische Grundierung der Salzburger Festspiele. Das, was da die Proponenten einer vorgeblichen “Stunde Null” an Geschichtsverweigerung, Auserwähltheit, Antisemitismus und auch Kunstfeindlichkeit zum Ausdruck kommt, ist bis heute haarsträubend.

Und so ist mir, als wäre “Jedermann” weit mehr als ein schlechtes Stück mit großem Aufmerksamkeitswert. Es repräsentiert vielmehr das, was die Festspiele bei allen Versuchen der Transformation von Mortier bis Hinterhäuser bis heute transportieren: Ein Weltbild, das den aktuellen engstirnigen rechten Tendenzen näher ist als der Firniss an “eltststädtischem für ein paar Auserwählte suggeriert.

Wie wäre es mit einer Wiederauflage von Bildungspolitik – Universität für ein paar Gschtopfte? Für ein paar Gescheite? Für ein paar Begabte? Für Diskriminierte? Für alle?

Heute hat sich die amtierende Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner zu Änderungen des Wissenschaftsbetriebs in Österreich zu Wort gemeldet (https://www.derstandard.at/story/3000000328282/ein-standort-ein-studium-holzleitner-plant-wissenschaftsregionen-ohne-parallelstrukturen ). Ausgelöst von den jüngst veröffentlichten Sparplänen auch die Universitäten spätestens ab 2028 betreffen diese vor eine organisationelle Ausrichtung der Einrichtungen zur höheren Bildung.

Könnt es sein, dass hinter der aktuellen Aufregung eine bildungspolitische Grundsatzfrage steckt, die tief in unseren ideologischen Haushalt hineinreicht?

Die längste Zeit waren die Hohen Schulen Ausbildungsort einer minoritären Elite, deren intellektuellen, künstlerischen, allenfalls auch spirituellen, jedenfalls nicht handwerklich herausragenden Potentiale es galt, zur bestmöglichen Wirkung zu verhelfen. Ihre Begründung fand diese in einer als natürlich verhandelten Teilung der Gesellschaft in ein paar wenige, mit ausreichendem Talent Beschenkten und den vielen, für die eine höhere Bildung als verlorene Liebensmüh erarchtet wurde.

Diese intellektuelle Zwei-Klassen-Gesellschaft sollte ab den 1970er Jahren mit der Annahme überwunden werden, alle Menschen wären im Prinzip in gleiche Weise bildungsfähig (https://geschichte.univie.ac.at/de/themen/offener-hochschulzugang-und-massenuniversitaet ). Obig angedeutete Trennung – so der seierzeitige biuldungspolitishe Anspruch – sei weniger in unterschiedlichen Persönlichkeiten als in ungleichen sozialen Verhältnissen zu finden. Die Antwort war die “Massenuniversität” mit seither stark steigenden Hörerinnenzahlen samt entsprechenden Zertifizierungen im Bologne-Modus.

Eine kurze Zwischenbilanz würde ergeben, dass viele sich daraus ergebende Hoffnungen sich nicht erfüllt haben. Niemand weit und bereit, der behaupten wollte, Höhere Bildung auf immer breiterer Basis habe zu einer signifikanten Ausweitung einer politisch bewußten Zivilgesellschaft geführt, die sich im Auftrag sieht, die Geschicke des Gemeinwesens aktiv mizugestalten. Gleichzeitig hat sich die Akademiker-Rate nachhaltig erhöht was wiederum zu einer Erhöhung der Einstiegsschwellen in einen national ebenso so wie international konkurrenzgetriebenen Arbeitsmarkt geführt hat.
Darüber hinausgehende Effekte einer universitäten Vollversorgung zur Verbesserung der beruflichen Realisierungschancen samt positiver Auswirkungen der individuellen Lebensgestaltung im Vergleich zu einem alles durchdringenden und medial vermittelten Konsumentinnen-Markt als dem eigentlichen Bildungsmotor verlaufen sich nur zu gern im Wunschdenken.

Eine Wissenschaftspolitik ist gut beraten, sich als Anwalt der im und rund um den Wissenschaftsbetrieb Tätigen zu sehen.

Darüber hinaus aber bleibt die viel entscheidendere Frage, an wenn sich das Angebot von Universitäten und ihres wissensdhaftlicen Umfeldes künftig richten soll: Wieder stärker an einige wenige Begabte, national ebenso wie international (die es gilt, stärker als bisher zur Kassa zu bitten)? An die Nachkommen einer wohlhabenden Elite, die den Anspruch stellt, sich mittels einer Universitätsstudium zu perpetuieren? Oder an eine”breite Masse”, einfach weil die gewaltsame Trennung von Kopf- und Handarbeit im Zeitalter der digitalen Medien zunehmend kontraproduktiv zu werden droh? Oder aber einfach in der Erfüllung eines politischen Auftrags, in dem sich eine Gesellschaft entlang immer mehr Bildug für immer mehr Menschen erfüllt?

Zu diesen Fragen Stellung zu nehmen, Frau Wissenschaftsministerin, und dadurch eine breite öffentlice Diskussion mit dem Titel “Was bringt wem der Wissenschafsbetrieb” wäre vielleicht eine gute Voraussetzung für die Planung künftiger Wissenschaftsstrukturen samt ihres Finanzierungbedarfs.

Einscbränkungen und Perspektivlosigkeit – Der Kulturbetrieb als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse

Weil ich grad am geschlossenen Kulturforum vorbeigehe, und ja, auch die Kammeroper wird geschlossen. Dazu denken viele Vertreterinnen der Freien Szene gerade ans Aufgaben, sie können sich angesichts der Streichung der Zuverdienstgrenzen gepaart mit Budgetkürzungen vor allem in diesem Sektor die Mitwirkung am Kulturbetrieb einfach nicht mehr leisten.

Ja, auch die “Kultur” muss einen Beitrag zum aktuellen Einsparungskurs der Bundesregierung leisten. Dieser sei ja mit etwas über 3% glimpflicher ausgefallen als erwartet (und die großen Tanker kommen sogar weitgehend ungeschoren davon ( https://on.orf.at/video/14326800/16103396/kulturbranche-kritisiert-budgetkuerzungen ). Auch wenn sich spätestens mit 2029 die nächsten dunklen Wolken auftun ( https://www.musicaustria.at/oemr-stellungnahme-zum-doppelbudget-2027-und-2028-des-bmf/ ).

Bleibt die Erkenntnis: Der Staat als kultur-politischer Akteur zieht sich sukzessive aus seinem Engagement zugunsten des kulturellen Lebens seiner Bürgerinnen zurück. Spät aber doch zieht er die neoliberalen Lehren aus den Rufen einer ökonomischen Interessen geschuldeten Hegemonie und überlässt den Kulturbetrieb einem, die Verhältnisse verungleichenden Marktgeschehen.

Dem, auch das gehört zum Befunden, haben die Repräsentantinnen des staatsnahen Kulturbetriebs zur Zeit nichts entgegen zu setzen: Ihre Einsprüche beschränken sich – nach all den Jahren der Entpolitiserung – auf die Forderung, ihre Bestandsinteressen zu wahren. Und doch sang- und klanglos zu akzeptieren, immer weiter an den gesellschaftlichen Rand geträngt zu werden.

In der Stunde der budgetären Wahrheit sind alle rhetorischen Blasen, was “Kunst und Kultur” denn alles für das individuelle Fortkommen, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt oder gar für die Entwicklung erstrebenswerter Perspektiven zu leisten vermag, rasch zerplatzt.

Was bleibt ist eine Reihe nackter Könige, vom amtierenden Kulturminister angefangen, die kulturpolitisch nichts zu sagen haben, ausser: Sparen müssen wir alle – Die Reichen halt etwas weniger als die Armen.

Wenn ein Baby im Theaterraum gluckst – Zur aktuellen Veränderung des kulturellen Verhaltens am Ende des bürgerlichen Zeitalters

Vor einigen Tagen echauffierte sich Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung über eine wachsende Ungezogenheit des Theaterpublikums: „Ruhe im Parkett, bitte!“ ( https://www.sueddeutsche.de/kultur/baby-shakespeare-kenneth-branagh-sturm-aerger-royal-shakespeare-company-li.3496745 ). Konkret hätte ein glucksendes Kind eine „Sturm“-Aufführung mit der Legende Kenneth Branagh gestört; darüber hinaus würde es zur neuen Normalität des Publikumsverhaltens, den Kontakt mit der Aussenwelt via elektronische Medien aufrechtzuerhalten, von Husten und Schnupfen einmal abgesehen.

Und vor mir entsteht das Bild in den Anfängen des Globe Theatre, als ein essendes, trinkendes und grölendes Publikum das Publikum umstand und es den Akteuren auf der Bühne sicher nicht leicht machte, gegen die allgegenwärtige Lärmentwicklung „durchzukommen“. Aber auch die Aristokratie des 18. Jahrhunderts nahm es mit der Andacht nicht so genau, wenn ihre erlauchten Mitglieder irgendwann kamen, irgendwann gingen, und sich dazwischen in ihren Logen selbst inszenierten.

Es bedurfte der bürgerlichen Disziplinierung, angefangen in gymnasialen Anstalten, mit der sich ein Kulturbetrieb ein Publikum zurichtete, das bereit war, im dunklen Zuschauerraum ihre Körperlichkeit über Stunden hinter sich zu lassen und sich ganz dem Dargebotenen zu überlassen. Mit ihrem auf Affirmation gerichteten kulturellen Verhalten leistete es damit einen zentralen Beitrag zum Gelingen eines Unterfangens, das von Ausnahmeerscheinungen geprägt wurde, die Raum und Zeit ganz für sich beanspruchten.
Mit der massenhaften Veränderung elektronischer Medien ändert sich das kulturelle Verhalten grundlegend in Richtung vielkanaliger Wahrnehmung in immer kürzerer Aufmerksamkeitsintervallen Und auch die schulische Vorbereitung ist nicht mehr darauf gerichtet, eine umfassende Konzentrationsleistung für die Dauer einer Wagner-Oper einzuüben. Spätestens Corona hat es uns gelehrt, wie es neuerdings geht: Auf der Bank liegend, essend, trinkend, im Gespräch mit Gleichgesinnten, im elektronischen Kontakt mit der Welt und zugleich sich durch die Kulturangebote scrollend.

Um die elekronischen Kommunikationsformen erweitert kehrt das Publikum zurück in Shakespeares Zeiten. Es geht den eigenen Neigungen nach, kümmert sich um sich, sucht den permanenten Reiz und weiß sich im Austausch mit anderen. Wenn dann auf der Bühne auch noch etwas Tolles stattfindet, umso besser….

Ja, Menschen, die wie ich sozialisiert wurde, für die Dauer einer Aufführung körperlich zu verschwinden, werden sich weiter von den Schwätzern unter vorgehaltener Hand drei Reihen vor mir gestört fühlen. Und bei hinlänglicher Beobachtung meiner selbst als einer nur historisch verstehbaren Figur doch anerkennen müssen, wie sehr ich selbst mittlerweile selbst zu einem Museums-Objekt geworden bin.